Die West Side Story – wirklich viel muss man zu diesem Stück wohl nicht mehr sagen. Die wohl berühmteste Film- und Bühnenadaption von Shakespeares Romeo und Julia wird seit Jahrzehnten regelmäßig auf der ganzen Welt erfolgreich auf die Bühnen gebracht.

Nachdem ich im letzten Jahr schon in den Genuss der original West End-Produktion kam (lest Ihr hier!), durfte ich Ende letzten Jahres die Premiere der Wiederaufnahme von Gil Mehmerts Inszenierung am Theater Dortmund erleben (ja, ich weiß, diese Review hat sich ein wenig Zeit gelassen 😀 ). Und ich sage bewußt „erleben“. Denn das, was dort auf der Bühne gezeigt wird, hat Hand und Fuß.

Schon beim Betreten des Saals zeigt sich: hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Liebevoll gestaltete und extrem hochwertige Kulissen sind vom ersten Schritt in den Theatersaal an zu sehen. Kein Vorhang. Nur die Kulissen. Und die sind wirklich beeindruckend. Die Tiefe der Bühne wurde – so wirkt es – komplett ausgenutzt. Links und recht säumen Häuserzeilen die Bühne, die Fenster in den Häusern sind beleuchtet. Vor einer Häuserzeile steht ein altes Auto. Der Star der Kulisse sind jedoch nicht die mit Liebe zu Detail gestalteten Häuserzeilen, sondern die „Tankstelle“, scheinbar den 50ern entstammend, die – sofern erforderlich – mal im Zentrum der Bühne platziert wird, um dann wiederum in anderer Szene im linken Off zu verschwinden.

Und eben diese „Tankstelle“ beinhaltet gleich mehrere Spielorte, so zB auch den Brautmodenladen oder eine Garage. Und auch auf dem Dach dieses Konstrukts tut sich im Laufe des Stückes so einiges. Jens Kilian, der für die Kulisse verantwortlich ist, hat sich hier nicht lumpen lassen. Und ein wenig Mehmert erkennt man in diesem „Multifunktions-Bühnenelement“ auch wieder: denn auch bei „Wahnsinn!“ fungiert der dort eingesetzte Truck durch Drehen als unterschiedlichste Kulisse.
Doch was wäre die beste Kulisse wert, wenn sie von schlechten Darstellern bespielt würde – nur herzlich wenig. Deswegen wurde auch hier entsprechend gecastet. Denn die Cast, die die West Side Story auf der Bühne des Theaters Dortmund verkörpert, ist insgesamt eine sehr runde und äußerst gelungene Gruppe. Allein die Anzahl an Personen auf der Bühne ist schon beeindruckend. Wenn dann auch noch jeder Darsteller auf seine ganze eigene Art brilliert, dann ist das grandios. Jede Rolle, sei es die der Jets, der Sharks, der ganzen Ladies oder auch der Erwachsenen scheint on point gecastet worden zu sein, alle harmonieren miteinander. Jeder ist für sich ein absolutes Highlight.

Die Musik

Die Musik ist Geschmackssache. Wie bei jedem Stück. Natürlich funktionieren Songs wie „America“ oder „Maria“ immer. Das sind Evergreens. Aber die West Side Story ist so viel mehr als nur das. Sie vereint Musik mit Tanz und genau dies spiegelt auch die Musik wieder. Sowohl Musik als auch Tanz wurden von den Schöpfern der West Side Story bewußt als Stilmittel und zum Ausdruck verschiedener Situationen genutzt. So kommt es beispielsweise vor, dass Kämpfe zwischen Jets und Sharks getanzt werden. Das Zusammenspiel Handlung, Musik und Tanz ist hier ganz bewußt sehr intensiv. Und auch wenn in der Dortmunder Inszenierung nicht die originale Choreografie gezeigt wird, so hat Jonathan Huor hier doch wirklich Tolles geschaffen. Ihm ist es gelungen, auch in seiner Choreo den Geist des Stücks, den Spirit der Macher beizubehalten und entsprechend umzusetzen.

Philipp Armbruster zeichnet sich für die musikalische Leitung verantwortlich. Und man ist von Herrn Armbruster schlicht nichts anderes gewohnt als Perfektion. Unter seiner Leitung transportieren die Dortmunder Philharmoniker die großartige Musik von Leonard Bernstein absolut adäquat in das Dortmunder Theater.

Sehr interessant ist, dass sich die Kostüme stark von denen anderer West Side Story-Inszenierungen unterscheiden. So tragen die Jets bspw. oftmals Knieschoner oder eher modern anmutende Outfits. Falk Bauer hat hier als Ausstatter einen neuen Weg in Sachen Kostüm gewählt. Einen zeitloseren. Das Moderne dieser Inszenierung spiegelt sich auch in den Kostümen wieder, die ihren Ursprung definitiv nicht in den 1950er Jahren haben. Auch hierdurch zeigt sich: zeitlose Thematik, zeitlose Musik, zeitloses Stück. Die West Side Story funktioniert in jedem Jahrzehnt. Genau wie Romeo und Julia als Basis immer wieder funktioniert. Denn die Liebe zweier Menschen, die aus den verschiedensten Kulturen und Umfeldern stammen ist nun einmal etwas Tagtägliches.

Und so findet man in Dortmund eine zeitlose, moderne und vor allem sehr gute Fassung der West Side Story vor. Und vor allem eine solche, die mich nicht denken lässt, der erste Akt sei zu lang (das hatte ich bei vorherigen Inszenierungen durchaus mehrfach). Alles in allem eine wirklich tolle Show und absolut sehenswert.

Nachdem alle Vorstellungen innerhalb kurzer Zeit ausverkauft waren, hat das Theater Dortmund kürzlich zwei Zusatzshows angesetzt… Vielleicht gibts für diese ja noch Tickets 😉

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