Die Welt des Musicals ist ja sehr vielfältig. Da gibt es Jukebox-Musicals, wie z.B. “Bodyguard” oder “Mamma Mia!”, dann gibt es den mittlerweile quasi eigenen Bereich der Disney-Musicals oder die düsteren Musicals wie “Tanz der Vampire” oder “Sweeney Todd”. Und es gibt “Hedwig and the angry Inch”. Für mich eigentlich schon eine eigene Musical-Kategorie, weil ich nicht so richtig weiß, welchem Bereich ich das Stück sonst zuordnen soll. Und das soll keine Kritik sein. Im Gegenteil. Es ist ein Lob. Denn “Hedwig” ist ein Musical, das anders ist als alle anderen.

Ich hatte keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde, als ich mich gestern auf den Weg in die Brotfabrik in Frankfurt machte. Ich wusste, Hedwig würde mir etwas anderes bieten als alle anderen Musicals, die ich bisher gesehen hatte. Und getreu meinem Motto, dass ich mich vor dem ersten Besuch eines Musicals weder mit der Geschichte noch der Musik beschäftige, hatte ich bei Hedwig also auch keine Ahnung, worum es ging oder wie die Musik sein würde.

Ich hatte lediglich mal mitbekommen, dass es in den USA sehr erfolgreich mit Neil Patrick Harris (“How I met your mother”) inszeniert worden und sich von einem kleinen Off-Broadway-Stück zu einem mit Preisen ausgezeichneten Broadway-Erfolg “gemausert” hatte. In Deutschland hatte es eine Inszenierung – so bekam ich mit – mit Andreas Bieber als Hedwig gegeben. That’s it. Mehr wusste ich nicht. Keinerlei Berührungspunkte. Bis gestern. Und die Berührung war toll!

Die Brotfabrik liegt in einer Art Hinterhof in Frankfurt. Ein imposantes, kleines Gebäude, das einen kleinen Theatersaal beherbergt. Die ideale Location für ein Musical wie “Hedwig”. Denn Hedwig erzählt die Geschichte einer Chanteuse, einer Sängerin, in der Form eines Konzerts. Keine ausgeklügelten Choreografien mit zehn Background-Tänzern, keine wechselnden Bühnenbilder, eigentlich gar kein Bühnenbild, keine Pyro-Effekte, keine Stage-Special-Effects. “Hedwig” ist eine Reduktion auf das Wesentliche: auf Hedwig und ihre Geschichte.

Worum geht es in “Hedwig and the angry Inch”?

Wir befinden uns als Publikum auf dem Konzert von Hedwig und ihrer Band “The angry Inch”. Auf unterhaltsame und sehr direkte Art lässt uns Hedwig an ihrer Geschichte teilhaben; sie berichtet uns von ihrer Kindheit, ihrem Leben im Osten Deutschlands vor dem Mauerfall, ihren ersten Lieben und ihrem wohl “einschneidensten” Erlebnis: einer verpfuschten Geschlechtsangleichung. Bedingt durch eine Liebschaft zu einem amerikanischen GI plant Hedwig mit ihm die Auswanderung in die USA. Um heiraten zu können, ist eine Geschlechtsumwandlung nötig. Gesagt, getan. Doch es geht schief. Die Operation gelingt nur halb so gut, wie erwartet. Und am Ende bleibt Hedwig ein “zwei Zentimeter langer Hautlappen”, der einst ihr Penis war. Das “kreierte”, weibliche Geschlechtsorgan wuchs schlicht wieder zu. Fortan lebt sie mit dem fehlgebildeten Geschlechtsorgan – dem “angry inch”, wie sie ihn nennt. Nichts halbes, nichts Ganzes. Genau wie Hedwig selbst.Hedwig and the angry Inch Frankfurt

Hedwigs Beziehung zu dem GI scheitert, ebenso die Liebschaft zu Tommy Gnossis, einem Sänger, der durch Hedwigs Hilfe Weltruhm erlangt. Die Suche Hedwigs nach ihrer Identität wird fortan begleitet von Yitzhak, ihrem Ehemann. Und so mündet die Suche nach Hedwigs Identität, nach ihrem wahren “Ich” während des Konzerts in einem Gefühlschaos ohne Gleichen und entwickelt sich in eine Richtung, die wahrscheinlich Hedwig selbst am wenigsten erwartet hätte.

Das Stück – ganz großes Kino oder nur ein “angry inch” des Musicals?

Geht man ohne Erwartungen in ein Stück, dann kann man nicht enttäuscht werden. Oft denkt man “Ja, das war ganz gut. Hätte ich so nicht erwartet. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.” Bei Hedwig ging es mir anders. Ich war am Ende des Stücks wirklich schwer begeistert von der Inszenierung. Die Musik ist eigentlich nicht das, was ich mir sonst anhöre – es ist ein Rock-Musical. Aber ich mag es. Auf meinem Stuhl in der zweiten Reihe links außen genieße ich es, auch mal ein ganz anderes Musical zu sehen, ganz andere – musicaluntypische – Musik zu hören. Kein Einheitsbrei. Keine Liebesduette, wie man sie in einem Musical erwartet. Niemand sind den Mond an. Die Reduktion. Kennt Ihr das, wenn ihr nach einem Stück (oder oft ist es auch nach einem Film bei mir so) die ganze Sache noch einmal sacken lassen müsst? Das Gesehene verarbeiten müsst? So erging es mir gestern.

Hedwig and the angry Inch Frankfurt

Hedwig and the angry Inch Frankfurt

Cast und Crew – wer sind die Macher?

Die ganz junge Musical-Produktionsfirma Off-Musical Frankfurt, gegründet und betrieben von den Gründern des Musical-Online-Magazins kulturpoebel.de, Marina Pundt und Stephan Huber, hat mit “Hedwig and the angry Inch” ihre erste Produktion auf die Beine gestellt. Und sie haben sich für ihre Premiere das ideale Stück ausgesucht. Denn Off-Musical Frankfurt will nicht die sonst gängigen und bekannten Musicals in einer weiteren Inszenierung auf die Bühne bringen. Die beiden jungen Gründer wollen die deutsche Musicalszene umkrämpeln. Zeigen, dass es auch Musicals gibt, die man so nicht erwartet. Zeigen, dass auch Menschen, die dem – oft natürlich auch klischeebelastenen – Genre Musical eher kritisch oder ablehnend entgegenstehen, Musiclas mögen können. Das ist mit “Hedwig” grandios gelungen. Sicher, der “Feel-Good-Musical”- oder eingefleischte “Tanz der Vampire”-Fan könnte hier eventuell nicht in Fan-Stürme ausbrechen. Aber es ist einen Versuch wert. Denn “Hedwig” ist etwas besonderes.

Und dieses Besondere haben Cast und Crew unfassbar gut umgesetzt. Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass es sich um die erste Produktion der Off-Musical Frankfurt handelt.

Marina und Stephan ist es gelungen, ein grandioses Team und eine spitzen Cast zusammenzustellen.

Hedwig, unsere geliebte, Chanteuse, wird unglaublich überzeugend und ergreifend verkörpert von Michael Kargus. Michael spielt die Rolle derart überzeugend, dass man ihm jedes einzelne Wort, jeden Gefühlsausbruch, die Zweifel an der eigenen Identität und der Kampf mit der Frage “Wer bin ich? Was bin ich? Wo gehöre ich hin?”, zweifelsohne abnimmt. Äußerst witzig und charmant leitet er durch das Programm, erzählt seine Geschichte.  Alternierend ab dem 20.10.2017 wird Lukas Witzel die Rolle erstmals vor Publikum präsentieren.

Yitzhak, der osteuropäische Ehemann Hedwigs, wird großartig gespielt von Kathrin Hanak, die unter anderem auch der Queenie Goldstein im Film “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” ihre deutsche Stimme lieh. Eigentlich Sidekick auf der Bühne, entwickelt sich der Charakter im Laufe des Stücks derart weiter, zeigt schließlich in einem vollkommen überraschenden Finale eine neue Facette seiner Person. Das gelingt Kathrin unglaublich gut und man hat auch während des Stücks keinen Zweifel daran, dass sie einen Mann verkörpert.

Die Band ist der absolute Wahnsinn. Dean Wilmington, musikalischer Leiter des Stücks und Genie am Klavier/Keyboard führt die Musiker, die sich die gesamte Zeit über auch – einem Konzert entsprechend – auf der Bühne befinden, an. Die Musiker, das sind Jonas Wiedner an der Gitarre, Sebastian Muhl am Bass und Sebastian Michaeli am Schlagzeug. Und was da an Talent auf der Bühne steht, ist unbegreiflich! Musiker, Cast – die Harmonie stimmt ohne Zweifel. Alles passt!

Großartig inszeniert wurde das Stück von Thomas Helmut Heep, der uns hiermit die Geschichte der Hedwig auf seine Art und Weise präsentiert.

Weitere Credits? Gerne:
Ausstattung: Lori Casagrande
Musikalische Assistens: Dennis Tosun
Ausstattungsassistenz: Niklas Wagner
Regieassistenz/Dramaturgie: Agnes Wiener
Die Übersetzung des Stücks stammt von Rüdiger Bering und Wolfgang Böhmer, die Texte wurden für die Frankfurter Inszenierung von Michael Kargus und Thomas Helmut Heep zudem bearbeitet – großartig gemacht, wie ich finde.

 

Mein Fazit: In love with Hedwig!

Alles in allem bin ich von dem Stück wirklich begeistert. Die Tiefe des Stücks, der Person Hedwig, das Thema der Selbstfindung, der Frage nach der eigenen Identität – natürlich ein Thema, das man oft auch in Musicals findet. Selbst Tarzan weiß nicht, wer er ist und wo er hingehört. Aber Hedwig zeigt uns dieses Thema auf eine andere, sehr unkonventionelle und musicaluntypische Art. aber es muss auch nicht immer alles einem “role model” entsprechen. Das tut Hedwig ja auch nicht. Genau wie sie ist dieses Stück eine Reduktion auf eine wesentliche Frage des Lebens, eine Suche nach dem eigenen Ich. Dazu braucht es nicht viel. Keine spekatkulären Lichteffekte, keine pompösen Choreografien. Dazu braucht es einfach großartige Künstler, die alles aus sich rausholen und ein Team, das sich traut, dies auch auf die Bühne zu bringen.

Ich war also gestern auf einem unglaublich tollen Rock-Konzert der Chanteuse “Hedwig”, die mich an ihrem Leben hat teilhaben lassen. Und die mir einmal mehr gezeigt hat, dass die Welt des Musicals eine ganz, ganz breit gefächerte und sehr kreative und unerwartete sein kann – fernab des sonst so typischen “Feel-Good-Musicals”.  Danke dem ganzen Team für diesen Abend.

Tickets für Hedwig (gehet und kaufet!!!) erhatet Ihr hier!

Hedwig and the angry Inch Frankfurt

 

Dir hat der Beitrag gefallen? Spread the word 😉

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.