[:de]Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit. Guter Wein braucht Zeit, zu reifen. Guter Käse genauso. Und manchmal ist das auch so mit Musik. Manchmal muss man sich bestimmte Songs einfach schön hören. Kennt Ihr das? Ihr hört ein Lied und denkt „Ok, naja, nee eigentlich nicht so geil“ und keine 3 Wochen später geht ihr im Club oder Zuhause total steil auf den Song und denkt Euch „Wie konnte ich ihn jemals doof finden?!“. Dieses Phänomen beobachte ich bei mir recht oft 😀 Sowohl bei Songs als auch bei Filmen. Und wenn sich diese beiden „Kategorien“ mischen, ist es besonders interessant. Es erging mir damals exakt so bei dem Film SWEENEY TODD mit Johnny Depp als todbringendem Barbier aus der Fleet Street in London. Eigentlich stehe ich total auf düstere Geschichten. Haben Sie ihren Schauplatz im alten London, ist dies bei mir eigentlich schon ein Garant für absolute Euphorie. Denn ich liebe London. Und das Düstere aus seiner Vergangenheit. Sollte also passen. Aber dann war damals da ein Problem: die Musik. Sehr speziell. Zu speziell?! Irgendwie gefiel sie mir nicht, als ich den Film zum ersten Mal sah. Dadurch gefiel mir auch der ganze Film irgendwie nicht. Und das, obwohl er mit Johnny Depp, Helena Bonham-Carter und Alan Rickman wirklich großartige Schauspieler zu bieten hatte.

Doch alles änderte sich beim zweiten und dritten Gucken. Auf einmal fand ich die Musik gar nicht mehr so schlecht. Hatte ich mich dran gewöhnt? Das will ich nicht sagen. Ich denke, diese Musik ist halt wie Käse – sie braucht Zeit, bei mir zu reifen. Und mittlerweile gucke ich den Film wirklich gerne. Natürlich auch wegen der großartigen schauspielerischen Leistungen der Darsteller.

Seit einigen Wochen läuft in Braunschweig wieder mal eine Bühnenversion des Musicals. Und auch dort ist die „personelle Besetzung“ einfach großartig. Markus Schneider brilliert als Sweeney Todd und die großartige Maricel verkörpert in einer wirklich phänomenalen Leistung die Pasteten-Bäckerin Mrs. Lovett.

 

©Staatstheater Braunschweig

©Staatstheater Braunschweig

 

Worum geht es?

Ich halte die Zusammenfassung bewusst kurz. Denn die zweite Hälfte ist geprägt durch Verstrickungen, falschen Entscheidungen der Charaktere und einem dramatischen Showdown.

Wir lernen Sweeney Todd und seine Vergangenheit direkt zu Beginn des Stückes kennen. 15 Jahre ist es her, dass Todd, einst bekannt als Benjamin Barker, ein glückliches Leben in London führte. Verheiratet mit einer wunderschönen Frau und Vater einer kleinen Tochter, hätte für ihn alles so schön sein können… wäre da nicht der skrupellose und einflussreiche Richter Turpin gewesen, seines Zeichens unglücklicherweise scharf auf Barkers Frau. Seine Macht ausnutzend, beschuldigte er  der Benjamin Barker eines Verbrechens, das jener nicht begangen hatte. Die Folge: Barker wurde verbannt. Richter Turpin “kümmerte” sich fortan um Barkers Frau Lucy und dessen Tochter Johanna. Lucy, die an der Situation zerbrach, sah eines Tages keinen anderen Ausweg als Gift zu nehmen. Johanna wird von Turpin adoptiert und strikt von der Außenwelt abgeschnitten.

15 Jahre nach seiner Verbannung, kehrt Barker nach London zurück, im Gepäck: Rachegelüste. Um unerkannt zu bleiben, legt er sich mit Sweeney Todd einen neuen Namen zu und lernt die verrückte Mrs. Lovett kennen, die ein eher mies laufendes Pasteten-Geschäft führt. In Mrs. Lovett findet Sweeney Todd eine Bewunderin, die seine wahre Identität erkennt, was jedoch ihrer Zuneigung zu Todd keinen Abbruch tut. In den freien Räumen über der Pastetenbäckerei richtet sich Todd ein Geschäft ein und arbeitet fortan wieder als Barbier – um seinen Plan, sich an Richter Turpin vollziehen zu können.

Was folgt, ist eine Verstrickung diverser Ereignisse: Erpressungen, fehlgehende Rachepläne und schließlich eine Mordserie, die Todds Wut kompensiert und bei Mrs. Lovett, die die Opfer zu Pasteten verarbeitet, für einen regelrechten Pasteten-Boom sorgt, prägen die Geschichte, die ein äußerst tragisches Ende nimmt…

 

Sweeney Todd – ein Meisterwerk aus der Feder von Stephen Sondheim

Die Geschichte um Sweeney Todd entstand bereits 1846 und erschien unter dem Titel “Die Mär von Sweeney Todd” als Fortsetzungsgeschichte in einer englischen Zeitung.

Die Musicalversion stammt aus der Feder von Stephen Sondheim, der z.B. auch die Musik der West Side Story zu verantworten hat, und beruht auf einem Buch von Hugh Wheeler. Am Broadway wurde das Stück 1979 uraufgeführt, damals mit Angela Lansbury als Mrs. Lovett.  Noch im gleichen Jahr wurde SWEENEY TODD in den USA mit 9 Tony Awards, dem amerikanischen Musical-Oscar, ausgezeichnet. Einer davon ging auch an Angela Lansbury 😉

Die Musik ist ebenso düster wie die Story. Ist ja auch klar. Farbenfrohe Gute-Laune-Songs wären hier auch wirklich fehl am Platze. Das Bild in sich ist stimmig. Musik und Szenerie passen unfassbar gut zusammen. Auch wenn ich – wie gesagt – eine Eingewöhnungsphase in Bezug auf die Musik brauchte. Es ist einfach wirklich viel musikalisch gestaltet. Viele Dialoge werden gesungen, die Melodien sind dabei recht kompliziert arrangiert. Tut der Sache keinen Abbruch, führt aber dazu, dass nicht jeder die Musik direkt beim ersten Hören frenetisch feiert. Reifeprozess eben!

Als Einsteiger-Musical ist SWEENEY TODD definitiv nicht geeignet. Vergleichbar mit Sunset Boulevard, ist es „schwere Kost“ für einen Musical-Anfänger. Zumindest sollte man sich vorher ein- bis zweimal den Film ansehen, um sich an Story und Musik zu gewöhnen. Das ist meine Meinung, die ich aus der eigenen Erfahrung abzweige 😉

 

©Staatstheater Braunschweig

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Bühnenversion vs. Film und die personelle Besetzung

Das Musical setzt – anders als der Film von Tim Burton – mehr auf die Beziehung zwischen Lovett und Todd. Während im Film die Besessenheit der Mrs. Lovett in Bezug auf Todd nur angerissen wird, kommt sie im Musical wesentlich besser rüber. Was nicht ganz unwichtig ist, denn die Liebe zu Todd lässt Lovett etwas tun, was das Ende der Geschichte wesentlich prägt.

Für die Darsteller in Braunschweig gibt es nur ein Wort: grandios!

Markus Schneider, den ich selbst bislang nicht kannte, verkörpert den teuflischen Barbier auf eine wunderbar düstere Art und Weise und bringt dessen grauenhafte Gedankengänge und Taten perfekt zum Ausdruck. Die Verzweiflung und die unendlich starken Rachegelüste, die Todd antreiben, bringt Schneider unfassbar gut rüber. Tatsächlich erinnert er von der Stimmfarbe sehr an Johnny Depp in der Filmversion. Doch meiner Meinung nach ist das auch alles, was die beiden Darsteller des Todd gemeinsam haben. Schneider packt den Zuschauer irgendwie mehr. Für mich hat der Charakter mehr Tiefe im Musical.

Maricel, einem breiteren Publikum sicher bekannt als Amneris aus dem Musical „AIDA“, geht in ihrer Rolle als liebeskranke Mr. Lovett vollkommen auf. Der Wahnsinn, der der Figur innewohnt, wird extrem gut transportiert. Man nimmt ihr jedes Wort und auch das Verrückte zweifelsohne ab. Das ist nicht böse gemeint, liebe Maricel 😉 Im Gegenteil. Die Darstellung ist der Wahnsinn! Dass es sicher einiges an Übung bedurfte, sich die komplizierten Stücke von Sondheim draufzuschaffen, merkt man Marciel nicht an. Profi eben. Und Maricel versteht es, der Mrs. Lovett einiges an Charakter zu geben, den es bspw. bei der Darstellung der Figur im Film nicht gab. Schon bei der ersten Mrs. Lovett-Szene zeigt sich, dass Maricel ein wesentlich ausgeprägteres komödiantisches Talent hat als Bonham-Carter im Film. Mrs. Lovett kommt im Musical sympathischer rüber und echter rüber, auch wenn man ihre Absichten nicht unbedingt teilen mag 😉

Mich hat die Musical-Version der Mrs. Lovett definitiv mehr überzeugt. Meiner Meinung nach ist Maricel wirklich die ideale Besetzung für die Rolle.

 

Maricel bei der Transformation zur Mrs. Lovett Bild: Daniel Lagerpusch/DanielsView

Maricel, kurz vor der Vorstellung bei der Transformation zur Mrs. Lovett
© Daniel Lagerpusch/DanielsView

Generell scheint das gesamte Ensemble wirklich wie “Faust-aufs-Auge” besetzt worden zu sein. Die Darsteller sind allesamt der Hammer und wirklich jeder Einzelne hat mich auf seine Weise restlos begeistert. Das schauspielerische Talent der Cast ist wirklich richtig gut! Oft hat man Darsteller, bei denen man über fehlende Schauspiel-Skills hinwegsehen muss; sie haben halt gute Stimmen. Hier passt wirklich alles – von den Hauptfiguren bis ins Esemble. Die Darsteller sprechen und singen so unfassbar deutlich, dass man jedes Wort versteht; zumindest in den Solo-Gesängen. Singt das Ensemble gemeinsam, artet es (was nicht negativ gemeint ist) in Operette aus. Schwierig zu verstehen, aber hier agiert das Staatstheater vorbildlich: während der gesamten Dauer des Stücks werden alle Textpassagen der Songs oberhalb der Bühne auf einem Screen angezeigt. Top! Denn ich habe irgendwie immer das Problem, dass ich nur noch die Hälfte verstehe, wenn mehr als 3 Leute singen 😀

 

Hier die Cast-Liste:

Sweeney Todd                  Markus Schneider

Mrs. Lovett                        Maricel

Judge Turpin                      Randy Diamond

Büttel Bamford                 Mike Garling

Anthony Hope                  Philipp Georgopoulos

Johanna                               Mirella Hagen, Johanna Zett

Tobias Ragg                        Matthias Stier

Pirelli                                    Andreas Sebastian Mulik

Bettlerin                              Milda Tubelytė

 

Ebenfalls wirklich super: das Bühnenbild. Die dunklen Straßen Londons sind durch 3 große, mit Fenstern durchbrochene Backsteinmauern dargestellt. Sie bilden den Rahmen der Handlung. Wahlweise wird die Szenerie mittig mit dem Laden der Mrs. Lovett und Todds Barber Shop, dem Zimmer der jungen Johanna oder einer weiteren Mauer, die die Fleet Street darstellt, ergänzt. Sehr clever gemacht und sehr düster 🙂 Das gefällt mir 🙂

©Staatstheater Braunschweig

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Fazit:
Ich bin restlos begeistert, auch wenn ich jetzt erst einmal Abstand von kleinen Kuchen nehmen werde (meine Figur wird es mir danken!) – wer weiß, was da alles so drin ist 😉

Das Musical ist in jedem Fall einen Besuch wert. Schnappt Euch eine Begleitung (oder auch nicht) und düst nach Braunschweig und schaut Euch diese grandiose Aufführung in einem unfassbar wunderschönen Theater an.

Das Musical läuft nur noch an 4 weiteren Terminen (03.02., 10.02., 26.02. und 24.03.2017). Also, beeilt Euch, wenn Ihr die wundervollen Darsteller noch in dieser düsteren Inszenierung sehen möchtet. Oder ihr betet zum Musicalgott, dass es noch eine Spielzeit dieser grandiosen Inszenierung in Braunschweig gibt. Ich würde es mir wünschen! Denn das Stück darf eigentlich niemand verpassen!!! Also, lieber Intendant – eine Verlängerung wäre etwas sehr Feines! 🙂

Tickets für die vorerst letzten 4 Aufführungen gibt es hier.

©Staatstheater Braunschweig

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