Tatsächlich gehöre ich ja einer Generation an, die irgendwie mit den Hits von Wofgang „Wolle“ Petry aufgewachsen ist. Auf den Geburtstagsfeiern und Silvesterparties meiner Tante lief nur Schlagerkrams. Wolle durfte da natürlich nicht fehlen. Aus diesem Grund – das muss ich leider gestehen – kann ich auch nahezu alle Wolle Petry-Songs mitsingen. Und das wiederum ist ein Grund, warum ich ein wenig entspannter in die Premiere von „Wahnsinn“, dem Musical mit den Hits von Wolfgang Petry, hineinging. Denn wie jedes Jukebox-Musical wurde auch dieses bei seiner Ankündigung mit Reaktionen wie „Wer braucht denn sowas?“ oder „Man muss auch aus jedem Mist ein Musical machen“ auf zweifelhafte Art und Weise „belohnt“.

Bei der Uraufführung des Musicals, der Weltpremiere, im Theater am Marientor konnte ich mir nun selbst ein Bild davon machen, ob man ein solches Musical nun einmal braucht oder nicht.

 

Wahnsinn! – Worum es geht

Die Story ist eigentlich schnelle erzählt, auch wenn es gleich mehrere „Protagonisten“ in dem Stück gibt. Denn im Grund geht es um 4 Paare, die alle ihre ganz eigenen Probleme haben und deren Geschichten allesamt miteinander verzahnt sind. Durch lustige Zufälle finden sich alle 4 Paare letztlich auf einer Insel wieder, dort bei einem Festival, wo die Geschehen dann ihren finalen Lauf nehmen…

Wahnsinn! – Die Musik und das Bühnenbild

Wohl jeder kann mit den Titeln „Wahnsinn“ oder „Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen“ etwas anfangen. Sämtliche Mainstream-Songs des lockigen, mit Freundschaftsbändern behangenen Barden Wolle wurden in dem Stück – mal mehr, mal weniger clever – verarbeitet. Deswegen kann der Part zu der Musik hier entsprechend kurz ausfällen.

Mehr Erwähnung hingehen soll dem Bühnenbild gewidmet sein. Denn das ist durchaus sehr clever gestaltet. Im Prinzip wird die gesamte Kulisse aus einem LKW geformt. In unterschiedlichsten Anordnungen stellt dieser einmal einen LKW, ein anderes Mal eine Bühne oder eine Bar dar. Das wurde wirklich sehr intelligent gelöst und macht tatsächlich beim Zusehen wirklich Freude. Alles in allem ist das Bühnenbild in sich Stimmig und schön gestaltet. Das Kreativteam hat es geschafft, durch die verschiedenen Anordnungen des Brummis wirklich die unterschiedlichsten Szenenstimmungen zu schaffem.

Wahnsinn! – Die Cast

Enrico De Pieri spielt in „Wahnsinn“ den Brummi-Fahrer Peter, der sich mit seinen Eheproblemen auseinandersetzen muss. Ich habe Enrico bisher noch nicht live auf der Bühne erleben dürfen und war mehr als überrascht, wie schön der Mann Wolfgang-Petry-Songs singen kann. Seine Stimme passt sehr gut in die Songs und er transportiert die Geschichte auch wirklich authentisch.

Seine Ehefrau, Sabine, wird gespielt von Vera Bolten. Und hier kommt leider mein erster Kritikpunkt. Denn aus meiner Sicht ist die Besetzung hier leider nicht wirklich geglückt. Bolten singt in einer Stimmfarbe, die ich leider während der Show an einigen Stellen grenzwertig finde. Generell hat sie eine sehr hohe, kräftige Stimme. In den Songs, die ihr zugeteilt wurden, wirkt dies noch einmal potenziert, sodass ich es schon teilweise als unangenehm empfunden habe, ihr zuzuhören. Aber das ist absolute Geschmackssache. Singen kann sie defintiv, nur ihre Stimme gefällt mir persönlich leider nicht.

Detlef Leistenschneider mimt Karsten, der sich mit Traum seines Sohnes, Sänger zu werden, konfrontiert sieht. Karsten hat damit jedoch seine Probleme, denn auch er hatte einst diesen Traum, den er jedoch nie wirklich zu 100% leben konnte. Leistenschneider hat eine grandiose Stimme. Er füllt den Charakter sowohl stimmlich als auch spielerisch mit viel Kraft und Humor.

Seine Ehefrau Gabi wird gespielt von Jessica Kessler. Und neben De Pieri ist Kessler eines der absoluten Highlights dieses Stücks. Abgesehen von ihrem fantastischen Gesang ist Kessler schauspielerisch eine absolute Granate. Denn als gebürtige Duisburgerin ist sie in der Rolle der „Ruhrpott-Lady“ komplett Zuhause. Ihr Ruhrpott-Slang ist authentisch und sie spielt absolut großartig mit jedem Klischee, dass die Ruhrpottler (zu denen ich ja auch gehöre) mit sich tragen und stets erfüllen. Absolute Top-Besetzung!

Thomas Hohler ist nun eben als besagter Sanges-Sohn Tobi auf der Bühne zu sehen. Und auch er macht einen grandiosen Job. Auch wenn ihm das Stück nicht wirklich gerecht wird (denn Hohler kann durchaus viel mehr als „Gianna“ zu trällern, was er allerdings wirklich gut macht), schafft er es, seinen Charakter überzeugend und mit all seinen Problemen und Wünschen auf die Bühne zu bringen. Gesang und Schauspiel sind absolut top und ich war und bin von Hohler wirklich begeistert.

Dorina Garuci ist Gianna (welch ein Zufall, dass sie genauso heißt wie eines der Lieder aus dem Stück ), Tobis Schwarm und Liebelei. Mit ihr hatte ich das eine oder andere Problem, denn obwohl der Sound in dem Stück eigentlich gut abgemischt war, hatte ich zwischenzeitlich das Gefühl, dass Garuci es nicht schaffte, gegen die Musik anzusingen. Auch merkt man im Schaupsiel der gebürtigen Albanerin, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Das altbekannte Musical-Phänomen. Es stört zwar nicht über die Maßen, fällt aber auf und trübt ein wenig den Fluß der Handlung.

Mischa Mang ist als Wolf in „Wahnsinn“ zu sehen. Ein Rocker par excellence, der selbst noch nach Jahren seiner Jugendliebe Jessica hinterhertrauert. Mischa Mang hat eine sehr kräftige und ausdrucksstarke Stimme. Sie passt gut zu seinem Charakter und in „Jessica“ überzeugt er absolut.

Jessica, Wolfs Jugendliebe, wird verkörpert von Carina Sandhaus. Während des ersten Akts hat Jessica leider einen nur kurzen und „stimmlosen“ Auftritt, sodass man sie als Darstellerin oder tatsächlich auch wirklich wichtigen Charakter in dem Stück noch gar nicht wahrnimmt. Dafür kommt sie im zweiten Akt richtig zur Geltung. Sandhaus hat eine so tolle Stimme, dass man sich ein wenig darüber ärgert, dass sich ihre Rolle im ersten Akt im Prinzip auf ein bisschen Tanzen beschränkt.

Auch das Ensemble trägt hier entscheidend dazu bei, dass das Stück eine Gute-Laune-Atmosphäre schafft und dem Zuschauer ein wirklich schönes Gefühl vermittelt. Deswegen dürfen auch diese Damen und Herren absolut nicht unerwähnt bleiben, da sie ihren Job wirklich toll machen:
Alexandra Farkic, Joana Henrique, Patrick Imhof, Nina Janke, Eiko Keller, Robin Koger, Karen Müller, Jörg Neubauer, Lynsey Reid, Sharon Isabelle Rupa, Christina Maria Brenner, Nils Klitsch und Matteo Vigna

Ein Hoch auch auf die tolle Band, die die Songs wirklich ganz wunderbar spielt:
Klaus Bittner, Hagen Kuhr, Andreas Kurth, Roger Schaffrath, Eberhard Schröder und Claudia Wozny.  

Fazit

Die Frage „Wer braucht denn sowas?“ ist ja generell eine sehr grenzwertige Frage. Denn wer braucht denn auch schon „Tanz der Vampire“ oder „König der Löwen“? Niemand BRAUCHT diese Musicals, denn sie sorgen weder dafür, dass wir gesund sind oder dass wir gut leben. Nein, sie unterhalten uns. Jedes Stück auf seine Art und Weise. Und genau das tut doch ein Wolfgang-Petry-Musical auch. Die Songs sind Stimmungsgaranten. Die Geschichte ist – wie bei den meisten Musicals auch – natürlich keine, die mit einem Literaturnobelpreis belohnt werden würde. Auch erkennt man das eine oder andere dramaturgische Element in der Story aus anderen Musicals wieder.  Aber darum geht es doch letztlich auch nicht. Es geht doch darum, Spaß zu haben und sich gut unterhalten zu fühlen. Der eine oder andere mag einwenden, dass der Unterhaltungswert nach Ende des Stückes dann auch schnell verfliegt. Das mag sein. Ja, das Stück selbst bleibt nur bedingt im Kopf. Es ist die Musik, die hängen bleibt. Natürlich in der Version von Wolfgang Petry. Das ist der Fluch der Jukebox-Musicals. Letztlich habe ich den Saal bei der Premiere mit einem guten Gefühl verlassen. Ich hatte gute Laune. Und ich konnte die kleinen oder großen Sorgen, Probleme oder Gedanken, die man so im alltäglichen Leben mit sich herumträgt, für 2 Stunden loslassen und mich an dem Können und den Stimmen der Darsteller erfreuen.

Und das ist es doch, was uns ins Theater lockt, oder nicht?

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