Ich bin ja jemand, der sich so viele Musicals wie möglich anzusehen versucht. Dabei beschränke ich mich auch nicht auf einen bestimmten Bereich. Manche Musical-Fans lieben die Disney-Musicals und können mit Stücken von Webber gar nichts anfangen. Bei anderen ist es genau umgekehrt. Und wiederum andere haben ein Einziges Lieblingsstück, für das sie ihr gesamtes Erspartes opfern.

Ich selbst bin da nicht fixiert. Ich schaue mir gerne Musicals aus den unterschiedlichsten Bereichen  mit den verschiedensten Musikrichtungen (da kenne ich doch tatsächlich jemanden, der keine Soul/RnB-Musik mag und deswegen „Dreamgirls“ verschmäht… tz tz tz 😀 ) an. Ich bin da wirklich sehr offen, und wenn mich die Inszenierung packt, dann ist es mir egal, welche Story ihr zugrunde liegt, ob es ein JukeBox-Musical ist oder ob die Handlung vielleicht nicht unbedingt einen Preis gewinnen würde.

Was ich immer recht spannend finde, sind Inszenierungen, in denen bekannte Geschichten auf die Bühne gebracht werden. Geschichten, die es seit langer Zeit schon gibt, die schon mehrfach in Buchform oder im Kino zu sehen waren. Das kann gut gehen oder aber auch voll gegen die Wand fahren.

Und da ich solche Projekte immer mit besonderer Spannung ansehe, durfte ich mir das Stück „Dornröschen – Das Musical“ nicht entgehen lassen, das aktuell bei den Brüder Grimm Festspielen in Hanau gezeigt wird. Gerade bei diesem Märchen besteht die Kunst darin, die Handlung perfekt auf die Bühne zu bringen, denn wie soll man das Stück gut inszenieren, wenn der Hauptcharakter den größten Teil über einfach nur pennt?

Und die Macher des Stücks haben sich da etwas ganz Besonderes ausgedacht.

 

Die Handlung

Die Handlung von Dornröschen dürfte allgemein bekannt sein. Wenn nicht, hier eine kurze (wirklich kurz) Summary:

Nachdem Dornröschen, als Tochter des Königspaares, auf die Welt gekommen ist, steht eine Feier zu Ehren der kleinen Prinzessin an. Zahlreiche Gäste sind geladen, auch die Feen des Landes. Doch eine Fee fehlt. Denn der König weigert sich, die böse Fee einzuladen, auch nicht aus gutem Willen und zum Zwecke des Friedens. Das lässt die böse Fee nicht auf sich sitzen, erscheint dennoch bei der Feier und verflucht das Baby: an ihrem 17. Geburtstag soll sich Dornröschen an einer Spindel stechen und sterben.

Aurora, eine der anwesenden guten Feen, wird zu Hilfe gerufen. Sie kann den Fluch jedoch nur abschwächen und darauf beschränken, dass Dornröschen nach dem Stich – gemeinsam mit dem gesamten Königreich – in einen 100jährigen Schlaf fällt.  Der König jedoch versucht, auch dieses Ereignis zu verhindern und lässt alle Spindeln im Königreich verbieten und einsammeln.

Doch es kommt wie es kommen muss: an ihrem 17. Geburtstag schlawenzelt Dornröschen im Schloss herum und stößt hoch oben im Turm auf die verkleidete böse Fee – an einer Spindel. Neugierig greift auch Dornröschen zur Spindel, sticht sich und versetzt das Königreich und sich selbst in den Schlaf.

Doch wie jedes Märchen gibt es auch in diesem einen Joker: denn was wäre ein Märchen mit Prinzessin ohne einen Prinzen, dessen Kuss sie aus fast allen miesen Lebenslagen retten kann? Und so bleibt es abzuwarten, ob auch hier der Prinz mit seinen zarten Lippen für Ordnung sorgen kann.

Dornröschen 2.0 – die neue Erzählweise des Märchens

Wie schon gesagt: es ist schwierig, ein Stück zu inszenieren, bei dem die Protagonistin die ganze Zeit über einfach nur vor sich hin schläft. Und genau aus diesem Grund gibt es bei diesem Stück einen Kniff.

Denn die Erzählung stellt teilweise eine Rückblende dar, teilweise einen Traum.

So starten wir in das Musical damit, dass Dornröschen aufwacht. Doch das tut sie nicht in der Realität. Nein, sie erwacht in ihrem Traum und merkt, dass irgendetwas nicht stimmt, als ihr Aurora erscheint. Aurora streift ab sofort als Erzählerin durch das gesamte Stück und berichtet Dornröschen, was los ist, warum sie schläft und was um sie herum geschah und geschieht.

Wer schon einmal einen Film gesehen hat, in dem es auf die Vergangenheit der Charaktere ankommt (es reicht auch irgendeine Netflix-Serie, denn fast alle dieser Serien weisen ein solches Merkmal auf), der weiß: Rückblenden in die Story einzubauen, kann verwirren. Und die Gefahr besteht natürlich auch bei einem Stück, das zahlreiche solcher Rückblenden aufweist. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass Dornröschen sowohl im Traum aktiv ist als auch in den Rückblenden auftaucht.

Doch die Hanauer Inszenierung schafft es, dass man hier nicht wirr wird: sobald es sich um eine Traumsequenz handelt, frieren Handlung und Figuren um Dornröschen und Aurora ein. Wird Dornröschen in der Handlung benötigt, steigt sie dort – fremdgesteuert – ein. Mit diesem Stilmittel schaffen Regisseur Alex Balga und Choreograf Bart de Clercq es, dass die Handlung nicht stagniert und beide Handlungsstränge (Traum und Realität) fließend ineinander übergehen.

 

Die Charaktere

Dornröschen ist – zusammen mit Aurora – als Prinzessin die zentrale Figur des Stücks. Doch sie kommt alles andere als prinzessinnenhaft daher. Das Stück beinhaltet zahlreiche Verbindungen zu unserer Zeit (u.a. einen Verweis auf Harry Potter) und so trägt Dornröschen kleine Prinzessinen-High-Heels, sondern Chucks. Auch ist Dornröschen verbal nicht das Role Model einer Pinzessin. Mich erinnert Ihr Ausdruck an viele Stellen an Charaktere aus Filmen wie „Fack Ju Göhte“. Dornröschen ist ein schroffes und selbstsicheres Girl. Das komplette Gegenteil der typischen Grimm-Prinzessin. Genau das schafft aber die Tiefe des Charakters.

Und auch die Handlung und die Vergangenheit, die die Feen miteinander verbindet, bringt letztlich eine Tiefe in die Handlung, die ich so bei dem Musical nicht erwartet hätte. Auf ganz wunderbare und clevere Weise sind zahlreiche Charaktere miteinander verbunden, wie man es nicht gedacht hätte.

 

Dornröschen

Die Cast

Die gesamte Cast schafft es, die Eigenarten und Tiefen der jeweiligen Charaktere optimal zu transportieren. Auch wenn zahlreiche Charaktere immer nur in kurzen Sequenzen auf der Bühne sind (z.B. Hofmarschall von Ziehten, Dornröschens Lehrer) gelingt es ihnen doch, ihrem Charakter Farbe zu verleihen.

Sophia Euskirchen als Dornröschen bringt das Schroffe und leicht Zickige ihres Charakters absolut perfekt rüber. Die Verwirrtheit, was mit ihr und um sie herum geschehen ist, fügt sie darin auch extrem gut ein, sodass ein runder Charakter entsteht, mit dem man zwar nicht „mitfühlt“ a la „Das arme Ding“, sondern mit dem man lachen und miFIEBERN kann, was als nächstes passiert.

Kurosch Abbasi spielt den Prinzen Alexander, der um die Gunst der Prinzessin buhlt. Technisch gut, bleibt der Prinz jedoch leider einer der eher blassen Charaktere, was wohl weniger an Abbasis Spiel liegen mag, sondern mehr daran, dass es im Stück zahlreiche Querverbindungen zwischen Charakteren gibt, auf die sich Regisseur Balga wohl (zu Recht) mehr konzentrierte als auf die Love-Story zwischen Dornröschen und dem Prinzen.

König Albrecht, verkörpert von Sacha Oliver Bauer, ereilt das gleiche Schicksal wie bei Prinz Alexander. Er ist schlicht nicht oft genug präsent, um einen dauerhaft präsenten Charakter zu bilden. Dennoch schafft auch Bauer es, die Eigenheiten seines Charakters in seinen Szenen sehr gut rüberzubringen.

Königin Gloria wird gespielt von Lisa-Marie Sumner. Ihr gelingt es, die Liebe und Fürsorge einer Mutter absolut perfekt zu interpretieren und auch eine zu ihr führende Querverbindung im Laufe der Geschichte bringt sie durch ihr Spiel ideal auf die Bühne.

Kerstin Ibald verkörpert Selena, die böse Fee. Und ich sage bewußt „Verkörpert“, denn man kauft ihr jedes einzelen Wort ab. Ibald ist auf der Bühne das Böse in Person. Man hat keinen Zweifel daran, dass alles Gute in ihr komplett verschwunden ist. Ihr Spiel, ihre Mimik, ihr Gesang – eine perfekte Kombination, die dem Charakter mehr als gerecht wird. Chapeau!

Joana Fee Würz spielt Aurora, die gute Fee, die durch die Geschichte führt. Und das macht sie grandios. Ich sah sie damals als Glinda in „Wicked“ in Oberhausen und kann nun getrost sagen: wenn jemand ne gute Fee braucht, dann soll er bitte Joana Fee Würz rufen! Mit viel Witz und Gefühl und dem nötigen Girlie-Faktor verkörpert sie die gute Fee wie es wohl sonst niemand schaffen würde. Mein Lieblingscharakter in dem Stück!

Edmund, Selenas Diener, wurde von Markus Fetter gespielt, der die Rolle Anfang Juli an den alternierenden Edmund, Dennis Hupka (auch bekannt aus „American Idiot“) abgab. Einer der Charaktere mit der wohl größten Tiefe des Stückes. Als Diener des Bösen ist Edmund mit seiner Rolle nicht im Reinen. Immer wieder zeigt sich, dass er im Grunde eher der guten Seite zugewandt ist… aus einem ganz bestimmten Grund. Fetter brachte mir die Tiefe und Zerrissenheit des Charakters durch sein grandioses Spiel extrem nahe.

André Haedicke spielt Roderich, den Diener des Prinzen Alexander. Er ist der quirlige Spaßvogel der Inszenierung. Neben Dornröschen der lustigste Charakter des Stücks. So sind die Diener der Prinzen. Typische Sidekicks und meist die heimlichen Stars in dieser Kombination. Und so schafft es auch Haedicke, seinem Charakter extremes Format zu verleihen.

Hofmarschall Dietrich von Ziethen, der Hauslehrer von Dornröschen, wird verkörpert von Fabian Böhle. Und auch Böhle zeigt in dieser Rolle sein komödiantisches Talent, das er ganz wunderbar mit der Kühle und der Gradlinigkeit eines Lehrers paart. Schade, dass Böhle leider zu wenige Einsätze auf der Bühne hat. Denn neben Kerstin Ibald ist er wohl einer der Darsteller, die nicht nur wegen ihres Spiels im Kopf des Zuschauers hängenbleiben, sondern auch wegen einer unglaublich markanten und einnehmenden Stimme. Böhle ist für mich der beste männliche Sänger des Stücks und hätte für meine Begriffe durchaus öfter singen dürfen…

Zum großartigen Ensemble gehören Andreas Nützl, Mirjam Wolf, Christin Reiter, Lisa Katharina Toh (Dornröschen alternierend) und Nathalie Hack.

Die Musik

Die Musik hat mir von Anfang an gefallen. Sie ist modern und passt extrem gut zu den Stimmen der Charaktere. An manchen Stellen stellt man unbeabsichtigt Bezüge zu aktuellen Songs aus den Charts her; so erinnert z.B. der Song, den die beiden Feen singen, stark an „Shake it off“ von Taylor Swift. Aber das tut dem Stück keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Musik fügt sich perfekt in die Handlung ein und nimmt mich sofort mit, auch wenn mir ein richtiger Ohrwurm am Ende des Stücks leider fehlt.

Grandios gespielt wird die von Marian Lux komponierte Musik von der Live-Band, bestehend aus Markus Syperek (musikalischer Leiter), Marian Lux, Tobias Schneider, Kai Picker, Stefan Kreuscher und Thomas Elsner.

Ebenso großartig sind die Liedtexte, für die sich Wolfgang Adenberg verantwortlich zeichnet.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die Verantwortlichen für Bühnen- und Kostümbild. Tobias Schunk (Bühnenbild) schafft es mit einfachen Mitteln, die Illusion eines verwunschenen Schlosses zu kreieren, während Ulla Röhrs (Kostümbild) ebenso Grandioses geleistet hat.

 

Fazit:

Wer Märchen mag, wird diese Inszenierung lieben. Und auch wer Märchen nicht mag. Denn genau diese Gratwanderung zwischen klassischem Märchen und modernen, poppigen Musical ist es, was Balga hier richtig gut auf die Bühne gebracht hat.

Ich kann diese Inszenierung guten Gewissens und eindringlich empfehlen. Das Amphitheater Hanau trägt ebenfalls seinen Beitrag dazu bei, das die Atmosphäre eine wirklich märchenhafte ist und man die Inszenierung einfach nur genießen kann.

Tickets sind unter www.festspiele.hanau.de erhältlich.

 

 

 

 

 

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