Ich bin ja der typische Disney-Konsument. Aufgewachsen im ersten goldenen Zeitalter der Disney-Ära (das war die Zeit von Aladdin, Arielle und Co.) habe ich damals alle Filme verschlungen. Tue ich heute noch. Mein DVD-Regal (ja, ich habe noch eines und streame nicht komplett alles via Netflix) ist voll von Disney-Filmen. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass ich den “Glöckner von Notre Dame” im Rahmen eines Schulausflugs gesehen habe. Ich muss dazu leider sagen, dass mich der Film damals nicht so berührt hat, wie andere 90s-Disney-Klassiker. Es vergingen viele Jahre, bis ich ihn wieder sah. Und dann auch schon mehr mochte als beim ersten Sehen.

Aktuell läuft nun eben dieses Disney-Werk als Musical in Stuttgart. Natürlich durfte ich mir die Premiere nicht entgehen lassen 😉 Da Stuttgart nicht der erste Standort des Musicals in Deutschland ist, ging ich nicht ganz unvoreingenommen hinein. Ich wusste, dass die Inszenierung vielfach gelobt wurde. Aber was mich besonders interessierte: würde ich denn dieses Mal direkt beim ersten Schauen mit der Inszenierung “warm” – also ganz anders als beim Film damals? Und ich kann sagen: ja, ich wurde 😀

Das Bühnenbild vom “Glöckner von Notre Dame”

Schon der Gang in das Theater ist eine Erfahrung für sich. Ich meine damit nicht den Gang über die Treppen hoch in das Vorderhaus, sondern das Betreten des Theatersaals. Ein wunderschönes Theater, das bereits vor der Show den Blick auf das Bühnenbild freigibt. Und das ist wirklich atemberaubend.

Das Gefühl, das ich hatte, als ich die Kulisse sah, kann ich nur schwer in Worte fassen. Es war irgendwie überwältigend. Licht und Kulissen tauchten die Bühne in eine Kathedralen-Atmosphäre und vermittelten mir das Gefühl, ich sei wirklich in einer Kirche. In Notre Dame. Und in den Grundzügen bleibt das Bühnenbild auch über die gesamte Dauer der Show gleich. Teile ändern sich, es wird intelligent mit den vorhandenen Kulissen gespielt (aus “Geländern” werden “Gefängnistüren”) und diese wirklich beeindruckend genutzt. Sie bieten auch für die Darsteller viel Spielraum. Besonders gelungen fand ich das Erwachen der Statuen, die als Freunde des Glöckners agieren.

Die Musik

Ich glaube, es war die Musik, die mich damals beim Film nicht gepackt hat. Ich empfinde die Musik beim Glöckner als durchaus anspruchsvoller als beispielsweise bei Aladdin. Nicht besser. Nicht schlechter. Anspruchsvoller von der Komposition her. So habe ich zumindest das Gefühl als Nicht-Musiker. Ich denke, für die Musik muss man auch bereit sein, was ich in der Schule vielleicht noch nicht war. Mittlerweile gefällt sie mir wirklich sehr gut. Der Chor, das Erhabene in der Musik holt mich sofort ab und schafft die zu den Charakteren und dem Bühnenbild passende Atmosphäre.  

 

Die Cast

Ich kann über die gesamte Cast wirklich nur Gutes schreiben. Bereits nach der Vorstellung konnte ich nur schwärmen.
Quasimodo wird unfassbar gut verkörpert von David Jakob. Ich stelle es mir unheimlich schwierig vor, die ganze Zeit über gekrümmt, verstümmelt und entstellt zu spielen. Das macht Jakobs extrem gut. Seine Stimme passt dazu noch wunderbar zu der Rolle. Ein fantastischer Quasimodo!

Mercedesz Csampai ist die „neue“ Esmeralda an Quasimodos Seite. Ich hatte schon die Ehre, sie als Sarah (Tanz der Vampire) in dem Konzertereignis „Mitternachtsball“ im Colosseum Essen sehen zu können. Daher wusste ich, was mich stimmlich erwartet. Und ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn ich anfangs kurz warm werden musste mit der Figur, schaffte sie es dennoch sehr schnell, durch ihr Schauspiel und ihren Gesang zu überzeugen.

Felix Martin ist als Erzdiakon Frollo ein absoluter Glücksgriff für die Produktion. Stimme, Schauspiel und die Art und Weise, wie er den Charakter darstellt, verleihen der Figur dieses tiefgründige Böse, das sie erfordert. Aber kennt Ihr das, wenn ein Darsteller Euch an eine Person aus Eurem Umfeld erinnert? Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, mein Orthopäde steht auf der Bühne 😀 Aber da kann Felix Martin ja nichts für. Ich bin sicher, er singt wesentlich besser als mein Orthopäde 😀

Nico Schweers als Jehan Frollo und Kristina Love als Florika sind in ihren Rollen absolut überzeugend, auch wenn die Rollen nur einen geringen Teil der Show einnehmen. Genauso Stefan Poslovski als König Louis XI, der in der Rolle auch wirklich sehr unterhaltsam ist. Barbara Raunegger spielt die Madame. Was soll man über sie sagen, außer dass sie eine grandiose Darstellerin ist? Das hat sie auch hier wieder bewiesen. Clopin wird – in absolut genauso grandioser Weise – verkörpert von Gavin Turnbull. Er schafft es, den Charakter mit einem Leben und Facetten zu füllen, die die Figur absolut glaubwürdig machen.  St. Aphrodisius wird gespielt von Romeo Salazar. Und auch er steht seinen Kollegen in nichts nach. Gleiches gilt für Thomas Schreier als Pater Dupin, der in seiner Rolle genauso überzeugt.

Maximilian Mann steht als Hauptmann Phoebus de Martin auf der Bühne. Und auch er ist ein Gewinn für die Produktion. Sowohl das Schauspiel als auch der Gesang haben mich von der ersten Sekunde an überzeugt. Seine tragende und wichtige Rolle füllt Mann komplett aus. Ich bin Fan Genauso Fan bin ich seit dem Glöckner auch von Milan van Waardenburg, der den Leutnant Frederic Charlus spielt. Auch er hat mich mit seinem Spiel und seiner Stimme sofort in den Bann gezogen und gezeigt, dass er zu Recht eine wichtige Rolle in dem Stück spielt.

Als Gemeinde stehen auf der Bühne:
Sina Pirouzi, Yuri Yoshimura, Daniel Therrien, Daniel Rakasz und Mike Sandomeno. Allesamt perfekt gecastet, denn alles wirkt in sich stimmig und die Stimmen passen alle wirklich unglaublich gut zur Produktion und zur Musik. Jeder einzelne für sich ist ein Highlight, alle zusammen wirklich ein Traum!

Darüberhinaus ist ein Chor auf der Bühne präsent, ohne den die pompöse musikalische Wirkung sicher nicht vorhanden gewesen wäre. Ein großes Lob und tiefer Dank für die Leistung an dieOrchestra & Choral Society Freiburg  

 

Die Inszenierung – genauso wie der Film?

Die Inszenierung zeigt zum Ende der Show hin Abweichungen von der Film-Version. Das ist aber alles andere als schlecht. Denn die Inszenierung orientiert sich beim Ende doch eher an der originalen Geschichte. Und das tut dem Musical gut! Denn genau dies erzeugte bei mir Gänsehaut. Auch die Message der Geschichte wird in dem Musical besser transportiert als in dem ihm zugrunde liegenden Film. Das hat beispielsweise mit dem Maskenbild der Darsteller zu tun und der Art und Weise, wie der Zuschauer in das Stück eingeführt und aus ihm auch wieder entlassen wird. Ich möchte aber an dieser Stelle nicht zu viel verraten 😉 Schaut Euch das Stück einfach an und ihr werdet wissen, was ich meine 😉

 

Mein Fazit

Auch dieser Disney-Klassiker wurde perfekt auf die Bühne gebracht. Das Zusammenspiel aus toller Musik, einem mega Bühnenbild, einer unglaublich guten Choreographie und einer für mich perfekten Cast schafft hier einen Abend voll Freude, Furcht und auch ein paar Tränen (ich konnte mich noch gerade so zusammenreißen). Am Ende geht man mit einem Gefühl aus dem Theater, das ich nicht beschreiben kann. Man nimmt etwas mit nach Hause. Und das ist es doch, was man sich wünscht. Das ein Stück auch noch nachhallt, selbst wenn man schon lange nicht mehr im Theatersaal sitzt.

 

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