Eine gute Freundin von mir hatte in der Mittelstufe in der Schule eine Green Day-Phase. Sie trug Shirts der Band und auch sonst war sie in Bezug auf Ihren Klamottenstil stark an die Band angelehnt.

Ich hatte keine solche Green Day-Phase. Green Day war für mich eine Band, die so nebenher im Radio läuft. Die Musik ist ganz cool, sorgt bei mir aber nicht für Begeisterungsstürme. Doch, was nicht ist, kann ja immer noch werden. Und genau das haben die Cast und das Kreativ- und Produzententeam von „American Idiot“ geschafft.

Das Musical „American Idiot“ basiert auf dem gleichnamigen Green Day-Album aus dem Jahr 2004. Das Album war bereits als Konzeptalbum kreiert und mit einer Geschichte versehen worden. Die ideale Basis also, um diese Geschichte nicht nur zu hören. Nein, man sollte es auch sehen. Nachdem das Stück bereits 2010 seine Broadway-Premiere feiern durfte, ist es also nun endlich auch in Deutschland gelandet. Und während ich mich frage, warum nicht schon längst eine der etablierten Musicalproduktionsfirmen auf den Gedanken gekommen waren, „American Idiot“ nach Deutschland zu holen, hatte gerade eine erst vor Kurzem ins Leben gerufene, frische und junge Produktionsfirma den Schneid, das Stück auf deutschem Boden aufzuführen. Off-Musical Frankfurt, unter der Leitung von Marina Pundt und Stephan Huber, haben das getan, was eigentlich schon längst überfällig war. Sie scheuen sich nicht, das Genre Musical in Deutschland einer „Generalüberholung“ zu unterziehen. Und das ist auch gut so. Natürlich muss es auch weiterhin Musicals á la „Lion King“ oder „Mary Poppins“ geben mit den eingängigen, seichten Songs. Aber wer das Genre unterstützen und fördern will, der muss auch neue Wege gehen und auch mal Inszenierungen zeigen, die so ganz anders sind. Und das ist Off-Musical Frankfurt so unglaublich gut gelungen, dass man glaubt, das StartUp würde bereits seit 10 Jahren am Markt professionell Musicals auf die Bühne bringen.

American Idiot; Premiere 2018

Philipp Büttner singt sich ein

Die Premiere

Wir betreten die Batschkapp in Frankfurt. Dabei haben wir das Glück, etwa eine Stunde vor dem Einlassbeginn die Location betreten zu dürfen. Wir laufen durch den Backstagebereich, treffen den Regisseur Thomas Helmut Heep, laufen Sebastian Smulders in die Arme und betreten dann den Publikumsbereich. Philipp Büttner läuft – einsam – auf der Bühne auf und ab und singt sich ein. Und während er das tut, staune ich nicht schlecht. Die Batschkapp ist so ganz anders als die Location, die Off-Musical Frankfurt für „Hedwig and the angry Inch“ ausgewählt hatten. Dafür wählten sie die Brotfabrik in Frankfurt. Eine Location, die zu Hedwig passte wie die Faust aufs Auge, aber auch Rücksicht auf die finanziellen Ressourcen des StartUps nahm. Sie war klein. Der Quantensprung, der mit der Wahl der Batschkapp nun vollzogen wurde, ist nicht zu leugnen. Ich bin geflasht von der Location und von den Dimensionen, die Off-Musical Frankfurt angenommen hat. Das StartUp ist gewachsen. Die ohnehin schon bei Hedwig gezeigte Professionalität hat eine noch hörere Stufe erklommen. Sandra, bei OMF für die Presse verantwortlich, drückt mir ein Programmheft zum Musical in die Hand. Und schon an diesem Heft erkennt man: hier versteht jemand sein Handwerk. Und während das Haus für das Publikum geöffnet wird und der Publikumsbereich sich füllt, bin ich begeistert, wie professionell Marina und Stephan hier agieren… Die Premiere kann beginnen.

 

„American Idiot“ – Worum geht es.

Die Story des Stücks handelt von Johnny (Philipp Büttner), Will (Dennis Hupka) und Tunny (Sebastian Smulders), die in der gleichen Einöde von Spießerstadt leben. Angetrieben, etwas Größeres und Aufregenderes zu erleben, beschließen Sie, alles hinter sich zu lassen und in die Großstadt aufzubrechen. Doch bereits vor der Abreise ist Will bereits raus aus der Nummer: seine Freundin erwartet ein Kind, sodass er Johnny und Tunny alleine ziehen lassen muss.

Auch Tunny Großstadtleben ist bald vorbei. Aufgrund seiner Probleme, sich dem Leben in der Großstadt anzupassen, entschließt er sich schließlich, der Army beizutreten und in den Krieg zu ziehen. Uncle Sam wants you!

Johnny ist nun auf sich allein gestellt. Und gerät – nicht zuletzt bedingt durch die Begegnung mit seinem „Alter Ego“ – immer weiter in einen Sumpf aus Drogen und Problemen, während Will in Spießerstadt vereinsamt und Tunny mit einer posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Krieg zurückkehrt.

3 Wege, die keiner so erahnt hatte. Und am Ende die zentrale Frage des Lebens: was zählt wirklich im Leben?

American Idiot Premiere (1 von 1)-5

Location und Umsetzung

Das Metronom-Theater wurde damals extra für „Tabaluga und Lilly“ gebaut, das Starlight-Express-Theater für (surprise) „Starlight Express“ und das Theater am Marientor in Duisburg für „Les Miserables“. Und man könnte meinen, die Batschkapp reiht sich in diese Riege ein. Denn von Anfang bis Ende hat man das Gefühl, dass eben diese Location gerade für die Inszenierung von „American Idiot“ gebaut worden sei. Was natürlich nicht der Fall ist. Aber die Produzenten und das Kreativteam nutzen hier jede Möglichkeit, die Location in die Handlung mit einzubeziehen. Und das funktioniert. Sogar sehr gut. Während das Bühnenbild auf ein Minimum reduziert wird (hierzu später), wird der gesamte Raum der Batschkapp genutzt. Darsteller gehen durch das Publikum, nutzen den Rang und gehen auch mal durch den Publikumseingang ab. So verhalten die Bühne gestaltet ist, so großartig wird mit dem Platz der Batschkapp gespielt.

Die Umsetzung ist dem Regisseur Thomas Helmut Heep und dem Choreographen Ludwig Mond unfassbar gut gelungen. Durch das reduzierte Bühnenbild konzentriert man sich auf das Wesentliche: die Darsteller und ihre Interpretation der durchaus schwierigen Charaktere.  Einzige Requisiten auf der Bühne sind Stühle, die äußerst clever in die Choreographie integriert werden. Denn die Darsteller starten die Show auf eben solchen Stühlen. Inmitten des Publikums. Und während der ersten Szene werden all diese Stühle auf die Bühne mitgenommen und so Teil der Show. Stilmittel, die die einzelnen Sichtweisen der Darsteller wiedergeben. Denn während alle Darsteller zu Beginn noch in dieselbe Richtung schauen, ändern sich die Anordnungen der Stühle alsbald. Sichtweisen werden umgeworfen und umgestellt. Das ist wirklich eine ganz besonders gelungene Unterstützung des Plots.

Die gesamte Handlung findet vor einem großen, gekippten Spiegel statt. Eine sehr interessante Inszenierung, denn so erhält man als Zuschauer einen ganz anderen Blick auf die Charaktere. Man kann auch „hinter die Fassade“ der Figuren schauen, sieht die unterschiedlichen Sichtweisen und Geschichten aus ganz anderen Blickwinkeln. Die Suche nach der eigenen Identität, die die Hauptfiguren vollziehen, wird durch den Spiegel absolut großartig unterstützt. Die Bühne und die Geschichte erhalten hierdurch buchstäblich eine zusätzliche Dimension. Einzeln Charaktere reflektieren sich selbst durch den Einsatz der Spiegelwand, setzen sich mit sich selbst auseinander. Immer wieder gibt es auch Begegnungen durch den Spiegel mit anderen Charakteren, die plötzlich dahinter erscheinen. Ein sehr schönes stilistisches Mittel, mit dem jeder Charakter sich selbst aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Und letztlich tut dies auch der Zuschauer. Sicher keine einfache Form der Inszenierung, da die Choreographien plötzlich in zwei Richtungen funktionieren müssen.

 

 

Cast und Umsetzung

Was die Cast hier leistet, ist einfach nur unbeschreiblich.

Die männliche Cast ist so unfassbar gut besetzt, dass man glaubt, den Darstellern sei das Stück auf den Leib geschrieben worden. Philipp Büttner interpretiert den unentschlossenen, seine Identität suchenden, Johnny so unglaublich gut und überzeugend, dass man sich ihn eigentlich kaum noch in einer anderen Rolle vorstellen kann. Sebastian Smulders (Tunny) meistert die Schwierigkeit, eine posttraumatische Belastungsstörung über einen nicht unerheblichen Teil des Stücks in sein Spiel zu integrieren, meistert mit Bravur. Robert Lankester ist als St. Jimmy, dem Alter-Ego von Johnny und damit der „böse“ Charakter auf der Bühne, absolut überzeugend. Er verkörpert die Verführung, die Lust, das Spannende, das Gefährliche – all das, was Johnny immer haben und auch immer sein wollte. Dennis Hupka hat ein Talent dazu, Einsamkeit glaubhaft zu spielen. Die Verzweiflung, die er spürt, nicht aus seiner Enge ausbrechen zu können, lässt er das Publikum intensiv spüren. Claudio Gottschalk-Schmitt ist „der Lieblingssohn“. Er singt und agiert dabei so kraftvoll und überzeugend, dass man auch hier keinen anderen Darsteller auch nur erahnen könnte für diese Rolle. Man nimmt ihm das gesamte Spiel komplett ab.

Die Ladies sind ebenfalls perfekt besetzt.

Lisa Antoni verkörpert als „Whatsername“ Johnnys Liebe und überzeugt mit ihrer Stimme mitreißenden Stimme. Laura Friedrich Tejero als Heather ist eine ebenso großartige Charakterdarstellerin. Auch sie schafft es, ihrer Figur so viel Tiefe zu geben, dass man ihr jedes Wort abkauft. Ebenso Lena Weiss, die als „Abgefahr’ne Frau“ sowohl mit Stimme als auch überzeugen kann.  Paulina Pulcinski, die die Alysha verkörpert, und Yvonne Braschke, die als  Chelsea auf der Bühne steht, schaffen die gleiche Symbiose. Auch über Ihre Stimmen muss man hier nichts sagen, außer, dass sie absolut fantastisch sind.

Fazit

Die Show ist eine absolute Bereicherung für die deutsche Musicallandschaft. Die Originaltexte sind clever und tiefgründig von Titus Hoffmann übersetzt worden. Sie sind dabei so nah am Original geblieben, haben aber auch ihren ganz eigenen Charakter mitbekommen. Das ist wirklich eine großartige Arbeit. Regie, Choreographie und die Band unter der Leitung von Dean Wilmington haben hier eine Verbindung geschaffen, die in sich zu 100% stimmig ist. Die Darsteller tun ihr Übriges, denn sie sind allesamt absolut perfekt gecastet worden.

Mit „American Idiot“ hat Off Musical Frankfurt ein weiteres Mal bewiesen, dass auch StartUps in der Szene etwas bewegen und vorantreiben können. Dazu gehört Mut. Mut, etwas Neues zu machen. Mut, etwas zu machen, das den Zuschauer überrascht.

Denn auch das Genre Musical entwickelt sich stetig weiter. Und das ist gut so. Und genau diese Entwicklung ist mit „American Idiot“ und der Off Musical Frankfurt ein ganzes Stück weit nach vorn getrieben worden.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.