Wie sehnsüchtig haben wir alle doch auf diesen Tag gewartet, oder? Diesen Tag, an dem das Musical Miss Saigon endlich wieder in Deutschland auf einer Musicalbühne zu sehen sein würde. Eigentlich hatte man doch schon gar nicht mehr damit gerechnet, oder? Nur fünf Jahre Laufzeit konnte das Stück in Deutschland vorweisen (wobei, sind wir doch mal ehrlich: heutzutage sind 5 Jahre Laufzeit am Stück schon eine wirklich schöne Sache, nach der sich so manche Produktion doch sehr sehnt): am 02. Dezember 1994 fand im heutigen Stage Apollo Theater (damals hieß das Teil noch Musical-Hall) in Stuttgart die Premiere statt. Schluss war dann am 19. Dezember 1999.

Doch die Fangemeinde blieb. Über einen langen Zeitraum. Und nun hat sie wieder Futter bekommen Denn seit einigen Wochen tourt das Musical wieder im deutschsprachigen Raum umher und macht aktuell auch (letzten) Halt im Musical Dome in Köln.
18 Trucks transportierten Requisiten und Kulissen an die Spielstätte in Köln; eine Woche lang wurde das Bühnenbild eingebaut, dass – sehr imposant – natürlich auch mit dem Helikopter daherkommt.

Kennt Ihr das, wenn Ihr ein Theater betretet und Euch schon der „Vorhang“ flasht. Genauso ist es bei Miss Saigon, denn – ähnlich wie bei Tarzan oder Wicked – erhält der Vorhang auch hier eine Art „Rahmen“, der dem Ganzen eine wunderbare Zusatzkulisse bietet und mich als Gast schon vor Beginn der Show absolut in die Thematik und das Setting eintauchen lässt.
Die Show beginnt und ich komme gar nicht mehr klar. Die Kulissen sind der Wahnsinn. Dachte man vorher noch „Wow, eine Woche – so lange haben die für den Einbau gebraucht?“ ändert sich dieser Gedanke während der Show in „Wow, so wenig Zeit hatten die für den Einbau?“. Teils pompös, teils mit einer unfassbaren Liebe zum Detail ist die Szenerie, in der das Stück spielt, so perfekt nachgebaut, dass man keinen Zweifel hat, im Saigon der 70er Jahre zu sein.

Apropos – für diejenigen, die die Handlung nicht kennen, hier ein kurzer (und spoilerfreier) Anriss:
Die Handlung beginnt in Saigon, es ist 1975 und wir befinden uns in den letzten Wochen des Vietnam-Krieges. Räumlich befinden wir uns im „Dreamland“ einem Nachtclub, der den amerikanischen GIs dazu dient, unkompliziert an leichte Mädchen zu gelangen. Unter diesen Mädchen ist auch Kim, junge 17 Jahre alt. Ganz zur Freude des Engineers, dem Inhaber des „Dreamland“, kauft der GI John seinem Freund Chris eine gemeinsame Nacht mit Kim. Chris scheint aber mehr in Kim zu sehen, als nur eine Gespielin für eine Nacht – er verliebt sich in sie; und Kim verliebt sich in Chris. Ach wie ist das doch schön. Sollte man meinen. Wäre da nicht die prekäre politische Lage, denn diese zwingt die GIs, Saigon zu verlassen (Achtung: an dieser Stelle kommt die coole Hubschrauber-Szene ).
Der zweite Handlungsstrang beginnt 3 Jahre später. Kim, die sich in den letzten Jahren nicht nur an dem Glauben, Chris würde zurückkehren, festgehalten hat (woran noch, möchte ich hier nicht spoilern) sieht sich aufgrund widriger Umstände gezwungen, nach Bangkok zu fliehen. Chris lebt derweil als verheirateter Mann in den USA. Nachdem er von seinem Freund John erfährt, dass Kim noch lebt und dass sie und Chris etwas besonderes eint, tritt Chris – zusammen mit seiner Frau und John – die Reise nach Bangkok an, um Kim zu suchen. Die Zusammenkunft endet jedoch nicht so, wie anfangs gedacht…

Die Musik stammt von Claude-Michel Schönberg, die Texte aus der Feder von Alain Boublil (beide waren auch schon für Les Misérables verantwortlich) und Richard Maltby jr.
Und was soll ich sagen? Sowohl Musik als auch Texte harmonieren so gut und transportieren genau das, was die Show zeigen und zum Ausdruck bringen will, absolut grandios. Jede Szene ist für sich gesehen ein Meisterwerk – alles stimmt und ist rund: die Kulissen so detailgetreu und realitätsnah, die Musik und die Texte dazu. Es passt einfach. Mehrfach lässt nicht nur die Kulisse sondern auch die Musik mich als Zuschauer komplett vergessen, dass ich gerade in Köln am Rhein sitze und nicht in Saigon.

Was die Darsteller an diesem Abend auf der Bühne leisten, sucht wirklich Seinesgleichen. Die Protagonisten sind so glaubwürdig und gehen komplett in ihrer Rolle auf, dass man ihnen jedes Wort abnimmt. Alle Darsteller leben ihre Rollen. Ich erspare mir, alle einzeln aufzuzählen – das würde dieses Posting sprengen (ja, es sind viele Menschen auf der Bühne) und letztlich würde bei jedem Darsteller stehen „Absolut fantastisch“. Es wurde eine unglaublich energiegeladene, authentische und vor allem hochwertige Cast zusammengestellt.

Dass die Show im englischen Original ist, mag manche Leute eventuell stören. Es ist jedoch – nicht zuletzt durch die Übertitel natürlich – ohne Probleme möglich, die Show zu verstehen. Dennoch würde ich dazu raten, dass man sich vor der Show einmal kurz mit der Handlung vertraut macht und die verschiedenen Handlungsstränge kennenlernt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man zwischenzeitlich kurz den Faden verliert aufgrund der örtlichen Wechsel und des zeitlichen Sprungs.

Alles in allem kann man sagen: das Warten hat sich gelohnt. Mit Miss Saigon hat BB Promotion ein Meisterwerk zurück nach Deutschland geholt, das dringend wieder einmal deutsche Bühnen begeistern musste.

Mein Rat: wer die Möglichkeit hat, sollte sich das Stück definitiv ansehen.
Zweiter Rat: setzt Euch nicht zu weit nach vorne und versucht, zentrale/mittige Plätze zu ergattern. Denn dadurch, dass wirklich viel auf der Bühne passiert, kann man – wenn man bspw. zu nah am Geschehen sitzt – ab und an ein paar schöne und imposante Bilder verpassen.

Wer es nicht mehr zu der Inszenierung schafft:
Anlässlich des 25. Geburtstag wurde im Prinz Edward Theatre (London) ab Mai 2014 eine Inszenierung der Show gezeigt und aufgezeichnet. Die DVD/BluRay gibt es hier:
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