Es gibt Familien, die sind einfach Kult: die Familie Feuerstein, die Beimers aus der Lindenstraße oder die Jacksons. Und dann gibt es noch die Addams Family. Die wohl schaurig-schönste Kultfamilie der Filmgeschichte. Und auch der Musical-Landschaft. Denn die monströs gute Familie wurde nicht nur in diversen Filmen oder einer eigenen TV-Serie an den Mann und die Frau gebracht, sie ist auch auf der Bühne zu bestaunen. Aktuell wird sie im Theater am Marientor in Duisburg gezeigt, u.a. mit Uwe Kröger als Gomez Addams, dem Familienoberhaupt.

“The Addams Family” – worum geht es?

Wer die Addams Family nicht kennt, hat etwas verpasst. Denn die Familie ist alles andere als normal. Bestehend aus einem Potpourri von gruseligen Gestalten, lebt die Familie in einer verlassenen, geisterhaften Villa mittem im Central Park in New York. Gomez Addams, Familienoberhaupt und Gemahl der – wohl untoten – Morticia Addams, sieht sich mit einer Katastrophe konfrontiert: seine Tochter Wednesday, Gruftie erster Güte und (wie sie sagt) “Prinzessin der Finsternis”, ist verliebt. Und dann auch noch in einen sterblichen, ganz normalen Jungen. In Lucas. Als Wednesday ihrem Vater dann auch noch ihre Heiratspläne anvertraut, ist er zunächst schockiert. So etwas Schlimmes hatte er nicht erwartet. Denn was macht die Liebe mit der Kleinen? Sie macht sie glücklich. Sie ist fröhlich. Etwas, das in der Addams Family schier unmöglich undverpönt ist: denn die Addams sind nun einmal gruselige Gestalten, die nur glücklich sind, wenn sie unglücklich sind. Da passt die junge Liebe nicht ins Bild der Familie. Und so beschließen Vater und Tochter zunächst, die geplante Hochzeit für sich zu behalten. Doch lange geht das nicht gut. Denn schnell kommt der Rest der Familie dahinter. Und es kommt, wie es kommen muss: das Aufeinanertreffen der beiden Familien steht an, denn man will ja wissen, mit wem die Kleine sich vermählen will. Und da die Familien unterschiedlicher nicht sein könnten, ist das Chaos vorprogrammiert…

Foto: Rolf Ruppenthal

Die Cast

“The Addams Family” trumpft mit einer unfassbar tollen Cast auf. Uwe Kröger als Gomez Addams präsentiert – für mich vollkommen unerwartet – ein grandioses komödiantisches Talent. Er läuft in der Rolle zur Höchstform auf und verkörpert das Latino-Familienoberhaupt perfekt. Ich kenne sowohl die TV-Serie als auch einige Filme und Uwe Kröger ist für mich die perfekte Wahl für den Gomez. Ich finde Uwe Kröger mega, wenn er in den ruhigen Lagen singt. Seine Stimme hat dann etwas sehr Warmes und Besonderes. Und die Songs des Gomez sind größtenteils in einer solchen Tonlage, sodass Kröger hier wirklich brillieren kann. Aber auch sein Spiel ist wahnsinnig gut! Ich hätte nie erwartet, dass Herr Kröger so lustig sein kann. Er zeigte mir eine ganz andere Seite, etwas, das ich von ihm so nicht kannte, und ich bin total begeistert.

Edda Petri als Morticia Addams passt wie die Faust aufs Auge. Auch sie beweist sich auf der Bühne als äußerst unterhaltsam, lustig und kompetent. Ihr dunkle Stimme passt perfekt zu dem Charakter. Sie füllt die Figur mit viel Charme, Witz und der gewissen Portion Respekt, die die Rolle für sich beansprucht. Sowohl Spiel als auch Gesang sind auf den Punkt. Ihre Bewegungen sind so graziel, dass man das Gefühl hat, sie schwebe über den Bühnenboden. Genauso muss eine Morticia Addams sein! Absolut perfekte Besetzung.

Wednesday Addams wird verkörpert von Henriette Schreiner. Und das macht sie wirklich extrem gut. Sie schafft es, den Zwiespalt, den die Kleine durchlebt, glaubhaft und mit den entsprechenden Emotionen zu vermitteln. Denn als “Prinzessin der Finsternis” ist auch Wednesday mit der Situation, verliebt zu sein und Glück zu empfinden, zunächst überfordert. Wednesday Addams ist das typische “Grusel-Mädchen”. Das Kind, vor dem man in Horrorfilmen Angst hat. Und diese Gratwanderung vom “Grusel-Gruftie” zum “verliebten Teen” meistert Henriette Schreiner großartig. Ihre junge Stimme passt zum Charakter. Man nimmt ihr jedes Wort ab.

Wednesdays Bruder, von Eifersucht gezeichnet, da er fürchtet, nach der Hochzeit von Wednesday nicht mehr ausreichend körperlich gequält zu werden, wird gespielt von André Haedicke. Und er ist so gut in dieser Rolle. Ein kleiner, dicker Junge, der mit allen Mitteln versucht, die Hochzeit zu verhindern ohne zu wissen, was er mit seinem Vorhaben tatsächlich anrichtet. Haedicke beweist komödiantisches Talent und ist für mich DIE Besetzung des Pugsley Addams.

Onkel Fester, irgendwie der Freigeist der Familie, wird grandios gespielt von Oliver Mülich. Auch er sieht sich mit dem Thema Liebe konfrontiert – ist er doch in den Mond (“La Luna”) verliebt. Und diese surreale Liebe zeigt er auf so unterhaltsame Weise, dass er letztlich die meisten Lacher auf der Bühne hat. Wobei ich wirklich oft über sämliche Charaktere lachen musste. Aber Fester Addams ist der Comedy-Star der Familie. Als sehr guter Sänger passt Oliver Mülich ideal zu der Rolle!

Tanja Schumann ist für mich – neben Uwe Kröger – die Überraschung des Abends. Die ehemalige “RTL-Samstag-Nacht”-Comedian und Dschungelcamp-Kandidatin zeigt in “The Addams Family”, dass sie von ihrem schauspielerischen Talent und ihrem Witz nichts, absolut gar nichts verloren hat. Denn absolut perfekt verkörpert sie die Rolle der schusseligen, 102 Jahre alten Grandma Addams. Und das macht sie so gut, dass ich nach nur wenigen Sekunden vergesse, dass Tanja Schumann da auf der Bühne steht. Anfangs noch genau hinschauend (“jo, das ist tatsächlich Tanja Schumann), ist die Schauspielerin schnell hinter ihrer Rolle verschwunden und geht in der Grandma grandios auf (“Ich habe Pipi gemacht”). Und offenbar kann sie auch singen. Ein Talent, das ich von Tanja Schumann noch nicht kannte.

Übrigens auch nicht von April Hailer, die – zumindest den Lesern, die meiner Altersklasse zuzuordnen sind – einigen noch aus dem TV-Format “Wie bitte?!” (ja es ist steinalt, ja ich bin auch steinalt) bekannt sein dürfte. Sie spielt Alice Beineke, Mutter von Wednesdays zukündftigem Gatten. Genau wie damals im TV schafft es April Hailer hier, ihre Parts  derart humorvoll zu inszenieren, dass man gar nicht anders kann, als diesen Charakter zu mögen. Ihre Wandlung, die sie im Laufe des Stückes vollzieht und die damit verbundene Verwirrung transportiert sie ideal. Und sie sind dazu noch großartig! Ich bin begeistert.

Herr Beineke wird gespielt von Andreas Zaron. Und für mich hat nie jemand anderes so gut einen so spießigen Familienvater verkörpert. Eine grandiose Inszenierung der Figur. Denn auch Herr Beineke macht eine Wandlung durch im Laufe des Stücks, die man so erst einmal glaubhaft transportieren können muss. Und das kann Zaron!

Wednesdays Objekt der Begierde und zukünftiger Herr Gemahl wird von Benedikt Ivo dargestellt. Der erfahrene Musicaldarsteller macht seine Sache sehr gut und er überzeugt sowohl durch Spiel als auch Gesang. Seine Stimme ist klar und kraftvoll und mit ihm wurde ein idealer Lucas Beineke gecastet.

Heimlicher Star des Stücks ist Butler Lurch, eine vollkommen unterkühlte, Frankensteins-Monster-gleiche und riesige Gestalt, die offensichtlich Probleme hat, zu sprechen. Und einen Faible für Langsamkeit aufweist. Gerhard Karzel ist ein Gott in dieser Rolle. Er spielt Lurch nicht, er verkörpert ihn und haucht ihm das Leben ein, das die Figur braucht. Wahnsinnig gut gespielt (ich würde wahnsinnig werden, wenn ich mich 2 Stunden lang so langsam bewegen müsste), sorgt auch Karzel für zahlreiche Lacher. Top Besetzung.

Als untote Ahnen stehen auf der Bühne: Monika-Julia Freeman, Nele Neugebauer, Janina Moser, Anke Merz, Felix Rabas, Alexander Leder, Jan Bastel und Samantha Harris-Hughes. Allesamt grandiose Schauspieler, die vorwiegend – abgesehen von einzelnen Lauten – mit Tanz und Mimik überzeugen müssen. Und das grandios beherrschen!

Die gesamte Cast ist ein Augen- und Ohrenschmaus. Jeder scheint die perfekte Besetzung seiner Rolle zu sein. Denn den Vorbildern aus Cartoons und TV entsprechend, fügt sich jeder perfekt in seine Rolle ein!

Foto: Rolf Ruppenthal

Foto: Rolf Ruppenthal

Das Kreativ-Team

Produziert von Joachim Arnold, weist das Stück einen grandiosen Regisseur auf: der großartige Andreas Gergen, der auch schon in diesem Sommer “Rebecca” in Tecklenburg fabelhaft inszenierte. zeigt mit der “Addams Family”, dass er “düster” auch in verschiedenen Varianten auf die Bühne stellen kann! Denn die Addams Family vereint hier gruselig mit lustig auf eine ganz ganz tolle Weise. Herr Gergen hat sich an dieser Stelle wieder einmal selbst übertroffen. Ich bin begeistert.

Für die Choreographie zeigt sich Danny Costello verantwortlich. Auch er gehörte, wie Gergen, bereits dem “Rebecca”-Kreativteam an. Und auch er hat hier wieder einen fantastischen Job gemacht. Szenen wie Festers “Ausflug” zum Mond in komplettem “Schattentheater” ist unfassbar gut gemacht. Die Choreographie der Ahnen ist kraftvoll, stimmig und alles fügt sich zu einem großen Ganzen.

Die wunderbaren Kostüme stammen von Ulli Kremer, die bereits an diversen Theatern die Kostüme verantwortete. Die Ahnen kleidete sie als Untote komplett in hellen Stoffen – ein Widerspruch zu dem restlichen Kostumbild der Inszenierung, aber dennoch ideal gemacht. Denn während die Addams Family durchweg dunkel gekleidet ist, die Beinekes eher hell und vor allem spießig, tanzen die Ahnen – nicht nur in Sachen Choreographie – hier komplett aus der Reihe und bilden einen tollen Gegenpol. Die Kostüme der Addams Familie sind perfekt. Mehr muss man nicht sagen. Good job!

Das Bühnenbild stammt von Christian Floeren. Ich liebe es! Im Hintergrund mit Projektoren arbeitend, die eine dunkle Szenerie und wehende Bäume simulieren, wurde hier wirklich an jedes Detail gedacht und ein äußerst cleveres Bühnenbild erschaffen, dass sowohl das Innere als auch das Äußere des Anwesens der Addams perfekt darstellt.

Scott Lawton wurde als musikalischer Leiter der Inszenierung gewonnen. Die ideale Wahl! Auch wenn ich keinen wirklichen “Ohrwurm” aus der Inszenierung mitnehmen konnte, um ihn im Auto auf der Rückfahrt zu summen, ist Lawton hier etwas wirklich tolles gelungen. Denn eine jede Szene hat ihre typische Musik, jeder Charakter erzählt seine Story in einer für ihn typischen musikalischen Lage. Großartig umgesetzt.

 

Fazit

Auch wenn ich in den ersten 10 Minuten ein wenig brauchte, um in das Stück reinzukommen, bin ich letztlich wirklich begeistert. Das Stück – in einigen Teilen (und das ist nicht negativ gemeint) mehr komödiantisches Theaterstück als Musical – bietet wirklich eine große Bandbreite an Witz und Charme. Ich habe mehrmals laut gelacht und auch wenn die Musik nicht eingängig ist wie bei manch anderem Stück, so passt in dieser Inszenierung doch alles zusammen. Denn mir bleibt die Unterhaltung im Kopf. Der Witz. Und genau das macht ja die Addams Family aus. Das schaurig-lustige Komödiantische. Der Gegensatz zu den Gruselgeschichten, wie man sie sonst kennt, dennoch gespickt mit den typischen Stereotypen aus solchen Stories. Dieser Spagat wurde auch in der Bühnenfassung der Addams Family perfekt gemeistert.

Ich kann das Musical wirklich empfehlen und rate zur Eile, denn es wird nur noch bis Sonntag, 22.10. im Theater am Marientor gezeigt.

 

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