[:de]Es muss in der 7. oder 8. Klasse gewesen sein. Auf jeden Fall ist es schon einige Zeit her. Aber ich habe es noch im Kopf. Damals sahen wir uns die WEST SIDE STORY auf dem VHS-Gerät im Schulunterricht an. In welchem Fach es war? Keine Ahnung. Das hab ich nicht mehr auf dem Schirm. Im Zweifel war es Sozialwissenschaften. Da haben wir – soweit ich mich erinnere – die meisten Filme geguckt 😀

Jedenfalls hab ich seitdem dieses eine Lied im Kopf: „I like to be in America“… ein echter Ohrwurm. Fluch und Segen. Tolles Lied. Aber es bleibt bis zum letzten Atemzug im Hirn fest verankert 😀
Aber auch ein weiterer Song hat sich tief verwurzelt. „I feel pretty“ ist ein ebenso eingängiger Song, der seinen Weg sogar als abgewandelte Form in die „Muppet Show“ gefunden hat. Ein – wie ich finde – Ritterschlag für Leonard Bernstein, der sich für die Musik verantwortlich zeichnet und Stephen Sondheim, der die Texte schrieb (übrigens auch die zu SWEENEY TODD, das aktuell mit der zauberhaften Maricel in Braunschweig läuft, oder zu INTO THE WOODS).


Und nun gibt es sie in Deutschland auch wieder außerhalb des TVs – die WEST SIDE STORY. Sie kommt als internationale Inszenierung und tourt gerade um die Welt. Deutschland darf da nicht fehlen. Vom 21.12.2016 bis zum 31.12.2016 gastiert die WEST SIDE STORY also im Colosseum Theater in meiner schönen Heimat Essen; und es war klar: da muss ich hin! Meine persönliche Musical-Saison, die für mich Anfang November gestartet ist mit TARZAN und die mit ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK und STARLIGHT EXPRESS gut voranging, hat nun also mit der WEST SIDE STORY ein weiteres Highlight in der Agenda 🙂

Die Story wurde von Arthur Laurents kreiert und feierte bereits 1957 am Broadway-Premiere. Der Film, der mir ja so im Kopf blieb, gewann damals 10 Oscars. Eine Erfolgsgeschichte also. Wie gesagt – immerhin hat sie es in die Muppet Show geschafft 😉

Und so ist das Musical aktuell in der preisgekrönten Inszenierung von Joey McKneely unterwegs. Das Tolle: die Tourversion ist weltweit die einzige Inszenierung, die die Originalchoreografie von Jerome Robbins zeigt (und diese Choreo ist wirklich atemberaubend!)

WEST SIDE STORY

WEST SIDE STORY – „Romeo und Julia“ meets Bandenkrieg

Die Handlung von WEST SIDE STORY ist nichts Neues; im Gegenteil. Grundlage der Idee war das Stück „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Arthur Laurents adaptierte die Handlung der beiden Verliebten in die 1950er Jahre und das Milieu der New Yorker Straßengangs. Dabei umfasst die Handlung nur wenige Stunden von zwei aufeinanderfolgender Tagen.

In den New Yorker Straßen herrscht ein Bandenkrieg: die Jets gegen die Sharks. Die einen US-amerikanisch (Jets), die anderen immigrierte Puerto-Ricaner (Sharks). Zentrale männliche Figur ist Tony, ehemaliger Mitbegründer und Anführer der Jets. Nachdem Tony den Jets den Rücken gekehrt hat, ist er auf der Suche nach einer neuen Aufgabe und einem neuen Inhalt. Da kommt die Bitte seines Freundes Riff, aktueller Anführer der Jets, gerade richtig: Riff plant einen großen Kampf zwischen den Jets und den Sharks, um die Stellung der Gangs ein für alle Mal zu klären. Tony soll ihm dabei helfen. Und genau das findet Tonys Interesse.

Eigentlich ein unkompliziertes Ding, wäre da nicht die hübsche Maria, ihres Zeichens Schwester des Sharks-Anführers Bernardo. Es kommt, wie es kommen muss (und wie es schon bei Shakespeare war): Tony und Maria verlieben sich ineinander. Und so finden sich Tony und Maria in einer Welt zwischen rivalisierenden Gang-Mitgliedern wieder. Ihre Liebe und die Tatsache, dass sie beide sich eigentlich spinnefeind sein müssten, fügen der Geschichte den „Romeo und Julia“-Touch hinzu und machen den beiden das Leben nicht leichter. Und diverse Handlungen führen letztlich dazu, dass die ganze Angelegenheit nicht so ausgeht, wie Tony und Maria es sich vorgestellt und gewünscht hatten…

WEST SIDE STORY   WEST SIDE STORY

Eine schöne Version einer altbekannten Geschichte

Die Story ist – es ist definitiv nicht von der Hand zu weisen – original dem Drama von Shakespeare nachempfunden. Selbst das Liebesgeständnis zwischen Tony und Maria findet an einem Balkon statt. „Oh Romeo, oh Romeo…“ Ja, die Parallelen bzw. Übereinstimmungen sind nicht von der Hand zu weisen. Selbst die Tragik des Shakespeare-Stückes findet sich in der WEST SIDE STORY wieder.

Das ist aber nicht schlimm. Überhaupt nicht. Never change a running system. Was seit hunderten von Jahren gut geht, geht auch 1957 gut. Und der Erfolg der WEST SIDE STORY beweist es. Denn bis heute ist das Musical ein Renner in der ganzen Welt.

Und ich muss zugeben: zu Recht. Die Inszenierung ist atemberaubend. Die Choreographien sind großartig und spiegeln die Gefühlswelt der Darsteller, die inneren sowie die Gang-Konflikte sowie die damalige Situation in New York, in seinen heruntergekommenen Hinterhöfen, unfassbar gut wieder. Sämtliche Kampfszenen zwischen den Banden sind sehr grazil choreographiert, was einen krassen Gegensatz bildet: die Gefährlichkeit und Brutalität des Kampfes gegenüber den sanften Ballett-Bewegungen des Tanzes. Eine wundervolle Mischung.

Generell findet sich viel Ballett in der WEST SIDE STORY. Aber das stört mich nicht. Ich bin eigentlich kein Ballett-Fan, doch die sanften, aber ausdrucksstarken Bewegungen der Darsteller geben der Geschichte ihren Fluß. Und fordern den Darstellern einiges ab.

WEST SIDE STORY

Die Lichtsetzung und die Farbgestaltung auf der Bühne sind atemberaubend. Durch die eigentlich recht karge Kulisse, die nur aus einer angedeuteten Häuserfassade und Balkonen besteht, wird mit Hilfe des Lichts und der sehr schönen Farbgestaltung eine den Szenen angepasste Atmosphäre geschaffen. Gefällt mir. Die auf den Bühnenhintergrund projizierten schwarz-weiß-Fotos von New Yorker Straßen oder Hinterhöfen verleihen dem Musical das Gefühl des damaligen Films und der damaligen Zeit. Man ist halt im Jahre 1957. Da war alles schwarz-weiß. Der gleiche Kontrast wie bei den sich gegenüberstehenden Banden Jets und Sharks.

Die Musik ist eine Mischung aus amerikanischen Jazz, klassischer und lateinamerikanischer Musik und vermittelt also auch selbst die beiden unterschiedlichen Lager – die Jets (amerikanischer Jazz) und die Sharks (lateinamerikanische Klänge).

Die Stimmen der Darsteller: ein Wahnsinn! Ich habe selten so kraftvolle Stimmen gehört in einem Musical – und das gleich von sämtlichen Darstellern. Wirklich großartig. Und selbst in Momenten, in denen das Mikrofon einzelner Darsteller leiser oder stumm geschaltet ist, hört man sie noch überragend gut, denn sie füllen mit ihrem Gesang den ganzen Saal. Dies zusammen mit dem tänzerischen Talent macht die ganze Sache irgendwie rund.

Die Darsteller leisten wirklich Großartiges. Man nimmt Ihnen auch wirklich alles ab. Das mag daran liegen, dass für die Inszenierung ein Casting am Broadway stattfand und die Darsteller ausgewählt wurden, die auch dem Alter der Rollen entsprechen. Das ist nun wirklich nicht immer der Fall… Aber hier passt es wirklich wie Faust aufs Auge. Die Darsteller leben das Stück wirklich und transportieren die Message und die Handlung wirklich grandios. Und dabei ein derart großes schauspielerisches Talent aufzuweisen, ist nicht selbstverständlich. Jedem Darsteller hat man wirklich alles sofort geglaubt. Sie haben nicht geschauspielert, sie haben Text, Musik und Tanz gelebt. Ganz anders als in so mancher deutscher Inszenierung, in der man schon ab und zu merkt, dass die Darsteller in dem Fach „Schauspiel“ jetzt vielleicht nicht die 1 mit Sternchen bekommen haben.

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Dadurch, dass es sich um eine internationale Tour-Produktion handelt, ist das gesamte Stück in englischer Sprache. Wer Verständnisprobleme hat, dem helfen die seitlich der Bühne platzierten digitalen Texttafeln mit der Übersetzung der Dialoge und Songtexte. Das kann insbesondere bei den Dialogen der Puerto-Ricaner hilfreich sein, da diese teilweise sehr stark akzentuiert gebrochenes Englisch sprechen. In einigen Dialogen etwas schwierig zu verstehen. Gestört hat es mich nicht, dass das Stück nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Ich schaue mir lieber eine Fassung an, die englisch daherkommt, als eine, in der die Darsteller sich kurz nochmal eben deutsche Texte draufgeschafft haben. Denn das führt oft dazu, dass man eher Verständnisprobleme hat als bei einer Origialversion. Und ganz ehrlich: wer möchte „America“ oder „Maria“ denn auch in einer deutschen Fassung hören? Das wäre ja genau, wie wenn man „I will always love you“ im BODYGUARD-Musical übersetzt hätte.

Also, alles richtig gemacht 😉

Kleiner Fun Fact, der mit der eigentlichen Inszenierung nichts zu tun hat und eventuell auch nur in der Essener Aufführung greift: das Essener Colosseum Theater ist, als ehemalige Krupp-Fabrikationshalle, sehr industriell gestaltet und in seiner Basis unverändert. Heißt: überall, wirklich überall, finden sich Stahlbalken, Kräne (im Foyer) und andere Industrie-Überbleibsel aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Irgendwie ist es lustig, denn das Interieur des Theaters und des Saals passt ganz wunderbar zu dem kargen Bühnenbild und der kargen Zeit, in der das Stück spielt. Insofern passt die WEST SIDE STORY irgendwie perfekt in das Colosseum Theater 😉

img_1373 img_1348 img_1328 Colosseum Theater Essen

Alles in allem eine wirklich empfehlenswerte Produktion, die wirklich einen Besuch wert ist. Es gibt da nur ein einziges Problem: ich hab nun noch mehr Ohrwürmer und werde sie sicher wohl nie mehr so wirklich los 😀

 

Tickets für die WEST SIDE STORY gibt es HIER

Stoff zum Gucken und zum Hören, hier:

 

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