Manchmal ist es doch wirklich creepy, wie viele Filmzitate man noch von Blockbustern im Kopf hat, oder? Ich meine, ich kann nicht einmal die Telefonnummer meine Mutter auswendig, aber ich kann einzelne Dialoge aus den unterschiedlichsten Filmen mitsprechen. Ja, man muss halt Prioritäten setzen. Ich habe mal gelesen, dass ein clever platziertes Zitat in einer Unterhaltung Eindruck macht. Seither suche ich die passende Situation, um solche Dinge wie “Ich habe eine Wassermelone getragen” oder “Das ist mein Tanzbereich, das ist Dein Tanzbereich…” intelligent und vor allem passend in eine Konversation zu integrieren. Ok, so wirklich sinnvoll wurden Zitate aus “Dirty Dancing” bislang noch nicht von mir rausgehauen, aber beim Filmzitate-Battle bin ich echt der King 😀 Und endlich, ENDLICH, konnte ich mein Wissen nun auch “live” anwenden. Im Musical Dome in Köln. Denn dort läuft seit einigen Tagen “Dirty Dancing” – eine Bühnenadaption des Filmklassikers. Und so musste meine liebreizende Begleitung herhalten und mein einzeln platzierten Zitate ertragen.

“Dirty Dancing”, das vor einigen Jahren bereits in Oberhausen lief, hat nun wieder seinen Weg auf die deutschen Bühnen gefunden. Damals irgendwie noch als Musical promotet, ist dem Zuschauer mittlerweile klar: ein Musical im eigentlichen Sinne ist es nicht. Es ist der Film auf der Bühne. Ein Großteil der Darsteller singt kein Wort. Sie agieren nur, sind Schauspieler (wie schon bei “Bodyguard“, das fast 2 Jahre lang im Musical Dome lief). Das macht aber nichts. Im Gegenteil. Denn die gecasteten Sänger – gerade mal eine Hand voll Sänger sind es – wurden unfassbar gut ausgewählt und liefern eine grandiose Leistung ab.

 Dirty Dancing, Foto: Daniel Lagerpusch

Worum geht es in DIRTY DANCING?

Gibt es überhaupt noch jemanden der das nicht weiß? Ja, es soll einen oder zwei Menschen auf der Welt geben, die mit “Dirty Dancing” noch nie in Berührung gekommen sind. Für Euch 2 hier eine kurze (!) Info:
Es ist der Sommer 1963 und Frances “Baby” Houseman ist mit ihrer Schwester und ihren Eltern im “Kellerman’s Ferienclub”. Dort freundet sie sich mit einigen Mitgliedern des Personals an und trifft auf den clubeigenen Tänzer Johnny, der ihr sofort den Kopf verdreht. Doch Johnny hat ein Problem: denn seine Tanzpartnerin Penny hat unter einem verpfuschten Schwangerschaftsabbruch zu leiden und so sind Auftritte der beiden und damit das Honorar und Folgeaufträge in Gefahr. Selbstlos stellt sich Baby als Tanzpartnerin zur Verfügung – ohne überhaupt wirklich jemals zuvor Standardtänze getanzt zu haben. Johnny nimmt die Herausforderung an und beginnt mit den Tanzstunden für Baby – als die beiden sich dabei näher kommen, beginnen die Probleme eigentlich erst wirklich.

 

“Dirty Dancing” –  Cast & Crew

Wie schon gesagt: von den zahlreichen Darstellern auf der Bühne sind nur eine Hand voll als Sänger im Stück zu sehen bzw. zu hören. Alle anderen sind – offensichtlich – grandiose Tänzer (wohlgemerkt sind die Sänger auch großartige Tänzer) und Schauspieler. Sie bringen die Rollen aus dem Film auf die große Bühne und lassen Baby und Johnny – Filmikonen gleich mehrerer Generationen – greifbar auf der Bühne Realtität werden.

Anna-Louise Weihrauch IST Baby! Abgesehen davon, dass sie quasi der Stereotyp des “Dirty Dancing”-Babys ist, hat sie es allem Anschein nach perfektioniert, sich die deutsche Synchronisation der Frances “Baby” Houseman einzuleiben. Stets mit einem leicht leidenden Unterton (“Jooohnnnny”) muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn sie die Sätze, die ich aus dem Film kenne, zum Besten gibt. Es ist, als würde Anna-Louise Weihrauch von der damaligen Synchronsprecherin vertont werden. Oder als sei Weihrauch selbst damals die deutsche Stimme gewesen (war sie natürlich nicht!). Unfassbar. Ich kann mir absolut niemand anderen in dieser Rolle vorstellen.

Máté Gyenei spielt den Johnny Castle. Waschbrettbauch und Tanz in Perfektion – ja das sorgt bei dem Publikum für Begeisterung und Neid 😀 Also, alles richtig gemacht. Ich sah Máté bereits vor Jahren in Oberhausen als Johnny und er hat sich seither extrem gesteigert. Der Johnny passt perfekt zu ihm und er verkörpert den eigenwilligen, arroganten aber doch unsicheren Tanzlehrer extrem gut. Er passt ideal zu der Rolle und harmoniert mit Anna-Luise Weihrauch so unfassbar gut, dass man die Funken knistern hört.

Penny – Johnnys Tanzpartnerin – wird von Marie-Luisa Kaster verkörpert. Und auch hier wurde die ideale Besetzung gefunden. Denn Kaster sieht der Film-Penny täuschend ähnlich. Und die  langen Beine (mein Opa sagte immer “Die hat Beine bis zum Boden” 😀 ) sind sofort ein Hingucker. Gerade in Szenen wie der, in der Johnny und Penny gemeinsam Baby das Tanzen beibringen (“Hungry Eyes” – ich hatte Gänsehaut bis zum Himmel, als die ersten Drumsounds des Songs im Saal ertönen) hat man auch bei Kaster das Gefühl: das IST die Penny aus dem Film. Niemand anderen bitte!

Martin Sommerlatte als Dr. Houseman, Babys Vater, spielt den Zwiespalt, in dem er sich befindet, extrem gut. Einseits seiner Tochter das Vertrauen schenken wollend, ist er durch verschiedenen Aktionen der kleinen “Baby” nicht mehr in der Lage, dieses aufzubringen. Sommerlatte kann aber auch singen. Einen kurzen Gesangspart hat der Musical- und Operndarsteller auch. Toller Darsteller, der Papa Houseman wirklich ideal verkörpert. Genauso wie Tanja Kleine die Rolle der Marjorie Houseman darstellt. Auch sie ist die perfekte Besetzung der Mutter von “Baby”. Sie interagiert mit Sommerlatte perfekt und irgendwie stellen die beiden das “erwachsene” Gegenstück zu Johnny und Baby dar. Perfekt.

Natalya Bogdanis – meine heimliche Heldin – spielt die Lisa Houseman, Babys Schwester. Und ich muss ehrlich sagen: eine Szene, auf die ich mich auch besonders freute, war die “Hula Hana”-Szene, in der Lisa Houseman ihren Beitrag zum Abschlussfest einprobt. Und das macht sie wirklich schlecht. Und Bogdanis wiederum macht das richtig gut!!! Sie ist perfekt in der Rolle und so überzeugend, dass man denkt, sie sei wirklich so wahnsinnig wie die Rolle, die sie verkörpert.

Fritz Hille als Max Kellermann tritt in die großen Fußstapfen seines Filmpendants – und macht das richtig gut! Er schafft es, den Spagat zwischen dem manchmal bösen Max (zu seinen Angestellten ist er nicht gerade freundlich) und dem einfühlsamen und freundlichen Max rüberzubringen.

Benjamin A. Merkel ist Neil Kellerman, der Sohn des Clubbesitzers und ein kleiner, arroganter Schnösel. Merkel macht seinen Job sehr gut. Dieses leicht überhebliche und egozentrische Verhalten spielt Merkel extrem gut und man nimmt ihm die Rolle sofort ab!

Dennis LeGree – Tito Suarez, der “Musikmeister” des Clubs – ist auch einer der wenigen Sänger in dem Stück. Und er ist der Hammer. Seine soulige Stimme geht sofort durch Mark und Bein und nimmt einen direkt mit!

Harrie Poels ist Mr. Schumacher. Während im Film die Schumachers als Pärchen in Szene gesetzt wurden, spielt Mrs. Schumacher eine zu vernachlässigende Nebenrolle im Bühnenstück. der Fokus liegt auf Mr. Schumacher. Und das lohnt sich, denn es ist schön, wie eine im Film 3mal erwähnte Nebenrolle auf der Bühne eine größere Bedeutung zugetragen bekam. Poels macht das ganz wunderbar und ist toll in seiner Rolle.

Luciano Mercoli spielt den Robbie – Medizinstudent, Kellner im Kellerman’s Club und von sich selbst überzeugter Gigolo. Robbie ist ein äußerst zweifelhafter Charakter, der zwar viele Affären hat, aber eigentlich nur sich selbst liebt. Und das verkörpert Mercoli extrem gut.

Lauren Mayer als Vivian Pressman (eine der Club-Gäste, die einen Faible für Johnny hat), Wolfgang Schwingler als Moe Pressmann und Pieter de Groot als Jordan sind in weiteren Rollen zu sehen und allesamt machen ihren Job verdammt gut.

Das Ensemble besteht aus Nina Bülles, Petra Ilse Dam, Ivan Dubinin, Victoria Kaspersky, Mariano Monzella, Dominique Brooks-Daw, Calum Flynn, Stuart Gannon, Erik van Hoof, Gloria Wind und Judit Szoboslay. 

 

Zu den Sängern

Ich kann nicht mehr!!!! Tertia Botha ist “Elizabeth” – eine Rolle, die es im Film nicht gibt und die für die Bühnenadaption die kompletten weiblichen Gesangsparts (außer natürlich den “Hula Hana” und den Part, in dem Marjorie Houseman singt) übernimmt. Und das macht sie so krass gut, dass ich nicht mehr aufhören kann, mir den Schlussapplaus, den ich filmen durfte, anzsuehen.

 

Ich liebe diese Frau. Sie ist eine so grandiose Sängerin. Ihre Darbietung von “Yes” – einem meiner Lieblinssongs aus dem Film – ist so on point und perfekt, dass ich diese Version IMMER dem Original vorziehen würde und werde! Ich kam nach der Vorstellung aus dem Schwärmen nicht mehr raus – und bin damit noch heute beschäftigt! Als ich sie das erste Mal live bei “Bodyguard” in Köln als Nicky Marron sah, war ich schon hin und weg. Und jetzt in “Dirty Dancing” sorgt sie wieder für Begeisterung und Gänsehaut hoch 10!!! Kann diese Frau bitte einfach nur immer und überall singen? 😀 Einfach der Wahnsinn und ein absoluter Topgewinn für die Produktion.

Genauso wie Konstantin Zander, der die meisten männlichen Gesangsparts auf der Bühne übernimmt und zugleich auch den Billy Kostecki (Cousin von Johnny Castle, als der, der die 3 Wassermelonen schleppen muss, der arme Kerl) spielt. Sowohl Spiel als auch Gesang liegen Zander unfassbar gut. Ich bin sofort von ihm begeistert und als er anfängt zu singen, hat auch er mich sofort in seinen Bann gezogen. Wahnsinns Besetzung und ein Gesangstalent, das ideal zum weiblichen Part von Tertia passt. Die beiden harmonieren unfassbar gut zusammen – nicht nur musikalisch, denn auch sie haben eine kleine, im Hintergrund ab und an platzierte, Story 😉

Als Walk In Cover der “Elizabeth” konnte Chayenne Lont gewonnen werden, die aktuell auch in Hannover in der West Side Story zu sehen ist. Richard McCowen ist als Walk In Cover “Tito Suarez” zu sehen.

Das Kreativteam hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet. Alex Balga, Regisseur der aktuelle Inszenierung hat hier den Spagat zwischen Film- und Bühne perfekt gemeistert. Denn natürgemäß bietet die Bühne nur eingeschränkten Platz. Balga positioniert die Darsteller aber so ideal in den sich, clever drehenden, Kulissen, dass es an nichts fehlt. Selbst die Wasserszene, in der Johnny und Baby die Hebefigur in einem See üben, ist absolut genial umgesetzt. Theater in seiner Perfektion! Matt Huett als Resident Director und Heribert Feckler als künstlerischer Leiter komplettieren das Kreativ-Team.

 

Mein Fazit

“Dirty Dancing” als Bühnenfassung ist ein Augen- und Ohrenschmaus. Ich bin absolut begeistert – von den Darstellern, Tänzern, Sängern. Allesamt in ihren Rollen ideal besetzt. Und es ist ein unheimlich geile Gefühl, wenn Songs wie “Hungry Eyes” oder “Time of my life” in einem Theater so laut erklingen, dass man Gänsehaut bekommt. Mehrfach habe ich mich im Theater erwischt, wie ich Herzklopfen hatte. Herzklopfen, weil ich einen bestimmten Song erwartete, Herzklopfen, weil man auf einzelne Sätze wartet.

“Mein Baby gehört zu mir” sorgt für nicht enden wollende Jubelstürme und Ausraster im Publikum. Schon “Ich habe eine Wassermelone getragen” erntet tosenden Applaus. Das Stück IST der Film. Zum Greifen nah. Nie war man Baby und Johnny so nah, selten hörte man die Songs in dieser Lautstärke. Gänsehaut. Wirklich!

Wer den Film mag, wird das Stück lieben. Geht hin, schaut es Euch an und macht 2 Stunden Urlaub bei Kellerman’s in Köln. Es lohnt sich wirklich. Und tut mir einen Gefallen: rastet aus! Geht mit bei den Songs. Es macht so viel mehr Spaß, wenn man all diese Emotionen, die man schon beim Film hat, auch im Theater loswerden kann! 😉

 

 

 

 

 

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