Ich erinnere mich vage daran, den Film EVITA irgendwann mal gesehen zu haben. Damals. In der Schule. Also vor dreiunddrölfzig Jahren. Mit Madonna. Also, sie war im Film. Nicht mit mir in der Schule 😛 Und Antonio Banderas. Ich fand den Film damals ok. Gut, Madonna mag optisch passen, aber hört man sich “richtige” Sänger an (Sorry, Madonna 😀 ), die ihre gesamte Stimmgewalt in der Rolle ausleben können, dann stinkt der Film schon arg ab.

Und mit Emma Hatton eben eine solche Sängerin steht aktuell als EVITA  im gleichnamigen Musical auf der Bühne der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Mit dem kurzen Halt in Düsseldorf (18.-23.07.2017) beendet die Tourproduktion ihre Gastspiele. Und da die Zeit also knapp ist, mein Fazit schon vorab: Tickets kaufen und diese wahnsinnig imposante und eindrucksvolle Story über den fraglichen Werdegang der “spirituellen Führerin” Argentiniens live erleben.

© Pamela Raith

Emma Hatton ist eine unfassbare Eva Perón. Im Laufe des Stückes erkennt man nicht nur optisch durch die Kostüm- und Frisurwechsel den Wandel des Charakters. Emma Hatton weiß auch ihre Stimme und Gestik und ihr schauspielerisches Können so geschickt einzusetzen, dass man den Charakter begreift. Die Motivation, den Elan, den Willen – Hatton spielt all dies wirklich unvergleichlich gut und schon die erste Silbe, die sie singt, lässt mich den Film von damals (sorry again, Madonna) vergessen. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich sagen, dass es Emma Hatton sogar gelingt, auf der Bühne wirklich zu weinen. Und das sorgt bei mir für einen Kloß im Hals. Eine ergreifende Szene gen Ende hin, die sich in meinem Kopf einbrennt, mich nicht mehr loslässt. Emma Hatton spielt nicht nur Eva Perón, sie verkörpert sie.

Genauso wie die restliche Cast.
Gian Marco Schiaretti, der auch schon in Tarzan brillierte, ist ein ausdrucksstarker Che, der in dem Stück als Erzähler und Beobachter fungiert. Der Medizinstudent wird (wie in sämtlichen Inszenierungen) als Che Guevara inszeniert, obwohl das Buch dies eigentlich nicht vorgibt. Doch durch die naheliegende Verbindung des Erzählers mit dem südamerikanischen Revolutionär ergibt sich hier eine Rolle, die in ihrer Kraft und der Kritik an Eva Perón unheimlich ausdrucksstark ist. Denn Che hält sich mit seiner Meinung nicht zurück. Er ist es, der im Laufe des Stücks Evas Schwächen und ihren zweifelhaften Werdegang hinterfragt und aufdeckt. Und hiermit auch Eva konfrontiert. Und das gelingt Schiaretti wirklich extrem gut. Sein Mimikspiel ist voller Verachtung, Zweifel und fehlendem Respekt gegenüber Eva. All dies schwingt auch in seiner Stimme mit. Und man weiß sofort, welche Haltung er hat, wenn er zu beginn des Musicals die Beerdigungszeremonie Eva Peróns skeptisch betrachtet.

© Pamela Raith

Kevin Stephen-Jones als Perón harmoniert extrem gut mit Emma Hatton und steht ihr schauspielerisch in nichts nach. Er ist im Grunde ein starker Charakter, der jedoch im Laufe der Zeit hinter den Ambitionen und Stärken seiner Frau zurücktritt. Sie stiehlt ihm die Show und weiß, wie sie ihn, insbesondere aber sich selbst, effektvoll in Szene setzt.

Ich muss auch sagen, dass man die Erfahrung der Darsteller, die übrigens die Besetzung aus dem Londoner Westend sind, merkt. Alle 3 Hauptcharaktere stellen ihre Rollen unfassbar charismatisch und eindrucksvoll dar. Jeder geht in seiner Rolle auf und verkörpert sämtliche Gefühlswallungen, die von Wut, Zweifel, Machtgier und Egoismus geprägt sind, äußerst überzeugend.

Was man auch merkt: die Feder des Komponisten und das Können des Texters. Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Text) haben hier ihre Handschriften unverkennbar hinterlassen. Webber ist dafür bekannt, dass in seinen Stücken wenig gesprochen wird. Und wenn ich jetzt versuche, mich an den gestrigen Abend zu erinnern, dann glaube ich, dass in EVITA kein einziges Wort gesprochen wird. Alle Lines werden gesunden und sind mit Melodien unterlegt. Teilweise mit Melodien, von denen man glaubt, es seien keine. Solche, die nicht hängen bleiben und bei denen man denkt “Die Melodie könnte ich nie nachsingen! Wie ging sie nochmal?” Typisch Andrew Lloyd Webber. Das findet man in vielen seiner Stücke. Nicht Jedermanns Sache. Ich mag es aber, denn ist ist doch irgendwie die Urform des Musicals und hat etwas Elegantes und Einnehmendes. Aber wie gesagt: nicht Jedermanns Sache 😉

Tim Rice schafft es derweil, mit seinen Texten die Schwächen Evitas ausgiebig zu präsentieren und ihre zweifelhaften Ambitionen und Intentionen zum Ausdruck zu bringen.

 

Worum geht es in EVITA?
Vorsicht: bissl Spoiler 😉

Eva Duarte ist ein Mädchen vom Lande. Im Alter von 15 Jahren verbringt sie nach einem Aufenthalt in einem Nachtclub eines Liebesnacht mit dem Sänger Augustín Magaldi. Als jener zurück nach Buenos Aires fährt, drängt Eva darauf, dass er sie mitnimmt. Sie ist das Landleben leid und sehnt sich nach der großen Stadt. Allen Warnungen zum Trotz setzt sie ihren Willen durch und landet schließlich in Buenos Aires, wo sie Magaldi doch schnell den Rücken kehrt und ihn abserviert.

© Pamela Raith

Diverse Affären später ist Eva Duarte dort, wo sie sein wollte: als beliebte Radiomoderatorin ist sie kurze Zeit später auch als Schaupsielerin tätig.

Anlässlich eines Erdbebens lässt Minister Perón ein Benefizkonzert veranstalten. Hier lernt er Eva Duarte kennen und “lieben”. Die Zusammenkunft bietet Interpretationsspielraum. Liebe? Zweckgemeinchaft? Fakt ist: beide profitieren voneinander. Eva bewegt sich nun in politischen Kreisen, die sie jedoch nicht akzeptieren. Als Perón, mittlerweile Präsidentschaftskandidat, verhaftet wird, führt Eva seinen Wahlkampf erfolgreich fort. Perón wird wieder freigelassen und gewinnt die Wahl. Ein Verdienst von Eva, die, beseelt von diesem Erfolg, selbst eine Antrittsrede bei der Amtseinführung ihres Mannes hält. Das Volk feiert sie und verleiht ihr den Namen “Evita”. Die Selbstinszenierung der Eva Duarte de Perón ist auf ihrem Höhepunkt.

Das Paar plant, den Siegeszug auszuweiten. Europa soll verzaubert werden mit Evas “Regenbogen-Tour” (1947). Doch der Erfolg ist nicht der erhoffte: nur Spanien ist ihr wohlgesonnen. Eva merkt, wie sehr ihr die Strapazen körperlich zu schaffen machen. Sie verliert Energie. Zurück in Argentinien sehen sich die Peróns mit einem unzufriedenen Volk konfrontiert: Wahlversprechen wurden nicht umgesetzt, das Volk ist unzufrieden. Eva gründet eine Wohltätigkeitsstiftung. Auch hier darf spekuliert werden: Hilfsbereitschaft oder Effekthascherei? Stets gehen Spendensammlungen mit einer ausgeklügelten Inszenierung Eva Peróns einher.

Eva verliert nicht nur mehr und mehr ihre Kräfte sondern auch weiter ihre Akzeptanz in den Militärkreisen. Stark geschwächt und im Glauben, bald sterben zu müssen, beschließt Eva jedoch, für das Amt der Vizepräsidentin zu kandidieren, um so den Rückhalt ihres Mannes zu stärken. Ihr Kalkül trifft jedoch in diesem Moment auf die Liebe ihres Mannes. War ihre Intention anfangs, einen Nutzen aus der Beziehung zu ziehen, begreift sie, dass Perón sie liebt. Er drängt sie, ihre Ämter der Gesundheit zuliebe niederzulegen, was sie in ihrer letzten Radioansprache an das Volk vom Krankenbett aus tut, bevor kurze Zeit darauf sämtliche Kraft ihren Körper verlässt. Eva Perón stirbt am 26.07.1952 im Alter von 33 Jahren.

© Pamela Raith

Fazit

Während der erste Akte zwischenzeitlich ein wenig an Schwung verliert, holt der zweite Akt all dies wieder raus. Es wird rasanter und emotionaler. Eine tolle Cast, ein mega Ensemble und ein großartiges Orchester sorgen im Einklang für eine wunderbare Atmosphäre, die sowohl die Story als auch die Charaktere unheimlich gut transportiert.

Das Musical läuft nur noch bis zum 23.07. 2017 in Düsseldorf. Dann ist erstmal Schluss.
Ich kann es nur jedem empfehlen, der Musicalfan ist! Eigentlich ein Pflichtprogramm! Ich hab es sehr genossen!

 

 


Der Besuch dieser Produktion erfolgte über Pressetickets der BB Promotion GmbH.

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