Für diejenigen, die es nicht wissen: mein Beruf ist ja nicht Blogger, sondern eigentlich bin ich studierter Jurist und habe eine Rechtsanwaltszulassung. Und ja, ich arbeite sogar in dem Beruf Und was viele Juristen gemeinsam haben: die Liebe zu Gerichtsthrillern. Ist klar, oder? Mediziner ergötzen sich an Serien wie „Grey’s Anatomy“ (wobei die Hauptzielgruppe wohl weniger Mediziner sein werden) oder „Emergency Room“ (kennt das noch jemand?), Juristen frönen derweil Produktionen wie „Law & Order“ oder „Suits“. Und nein, wir sind keine Fans von Gerichts-TV auf RTL oder Sat1 😀

Was liegt also näher, sich als Jurist auch mal ein Theaterstück, das in die Kategorie „Gerichtsthriller“ fällt, anzusehen? So zog es mich gestern also nach Wuppertal in das kleine, aber feine TalTon Theater, das aktuell (und nur noch an ganz wenigen Terminen) das Stück „Die 12 Geschworenen zeig“.

Mein Urteil.

 

 

Die Handlung – Worum geht es?

Wir befinden uns im Beratungsraum der 12 Geschworenen. Diese haben über Schuld oder Unschuld eines 19jährigen zu entscheiden, der seinen Vater brutal mit einem Messer erstochen haben soll. Wird er schuldig gesprochen, erwartet ihn der elektrische Stuhl. Der Fall scheint klar. Was einigen, ungeduldigen Geschworenen gerade recht kommt. Doch einer macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Geschworener Nr. 8, der seine Zweifel an der Schuld des Jungen hat. Und so stimmt er in der ersten Abstimmung mit „nicht schuldig“. Dumm nur für die restlichen Geschworenen, dass das Urteil einstimmig ausfallen muss. Der frühe Feierabend und das anstehende Baseball-Spiel müssen also warten. Und so entbrennt eine hitzige Diskussion um Schuld oder Unschuld, in deren Verlauf Geschworener Nr. 8 immer bessere Überzeugungsarbeit leistet und nach und nach die anderen Geschworenen auf seine Seite zieht. Nur einer scheint standhaft zu bleiben und lässt sich von der Schuld des Jungen nicht abbringen…

 

Die Inszenierung

Die Inszenierung kommt komplett ohne Kulisse oder Requisiten aus. Einzig 12 Stühle und 12 Darsteller stehen auf der sehr kleinen Bühne des TalTon Theaters, die zu einem engen Raum umfunktioniert wurde. Ein bedrückend kleiner Raum, der gerade mal Platz für diese 12 Menschen hat. Genauso bedrückend wie die Stimmung zwischen den Charakteren. Denn während einige die Ruhe selbst sind und sachlich sowie bedacht Argumente einem Pro und Contra unterziehen, so gibt es in dieser Gruppe auch diejenigen, die auf Biegen und Brechen ihren Willen und ihre Meinung durchsetzen wollen. Und da wird dann auch gerne mal gebrüllt oder sogar mit Handgreiflichkeiten gedroht. Nicht selten müssen einzelne Charaktere zurückgehalten werden, um nicht auf andere Geschworene loszugehen.

Die Gruppe zeigt uns verschiedenste Stereotypen. So sehen wir den rational denkenden, nicht voreingenommenen Geschworenen, den Analysten, der sich bedächtig alles notiert und einer Anaylse unterzieht, den aggressiven Möchte-Gern-Anführer, den Hauptmann der Gruppe, der mit seiner Rolle nicht wirklich im Reinen zu sein scheint und stets die Wogen zu glätten versucht, den Ungeduldigen, der eigentlich etwas Besseres vorhatte an diesem Tag (nämlich ein Baseball-Spiel zu besuchen), den „verkappten Anwalt“, der die Angelegenheit sachlich auseinandernimmt aber auch den Zweifler, der im Laufe der Zeit immer unsicherer wird und zwischen seinen Entscheidungen hin- und herspringt.

Die Darsteller verkörpern ihre Charaktere und deren Meinungen so gut und überzeugend, dass man ihnen jedes einzelne Wort abnimmt. Jeder von ihnen scheint in seiner Ansicht festgefahren und der Zuschauer kann sich – bei einigen weniger intensiv, bei anderen mehr – nicht vorstellen, dass die „Schuldig“-Befürworter auch nur ansatzweise von ihrer Meinung abrücken würden. Und gerade dieses Umschwenken, das die Charaktere durchleben, wird in dem Stück so überzeugend von den Darstellern transportiert.

Das machen sie so gut, dass man zwischendurch selbst nicht mehr so richtig weiß, was man glauben soll. Und während dem Zuschauer zu Beginn auch klar zu sein scheint: alle Indizien sprechen gegen den Angeklagten, lässt man sich selbst auch im Nachgang mehr und mehr überzeugen, dass die Zweifel des Geschworenen Nr. 3 doch gar nicht mal so unberechtigt sind.

Die Stühle unterstreichen dabei auf sehr interessante Weise die unterschiedlichen Ansichten und Meinungsänderungen der Charaktere. Denn je nach Überzeugung und Ansicht, werden diese Stühle clever dazu genutzt, die Szenerie zu verdeutlichen. So sind die Stühle manchmal angeordnet wie ein Zuschauerkreis in einer Arena, in deren Mitte gerade ein erbitterter Kampf zweier Gladiatoren (bzw. zweiter Geschworener) herrscht.

Das Stück regt zum Nachdenken an. Wie würde ich in einer solchen Situation entscheiden? Hätte ich Vorurteile dem Angeklagten gegenüber? Kann man aufgrund seiner eigenen Haltung zum Leben oder zu anderen Menschen objektiv über Schuld und Unschuld entscheiden? Spielen allein Fakten eine Rolle oder zum Beispiel auch die Herkunft des Angeklagten? Intensiv setzt sich das Stück mit dem Thema Voreingenommenheit und Frust auseinander. Denn bis auf den Geschworenen Nr. 3 scheinen alle Charaktere von Frust und Zorn getrieben in ihrer Entscheidung – alle aber aus den unterschiedlichsten Beweggründen.

Was die Darsteller dabei auf der Bühne leisten, ist beachtlich. Denn nur mit Stühlen als Requisiten sind sie allein auf ihr Spiel angewiesen, um den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen und von ihren Haltungen zu überzeugen. Und so übertragen sie dieses beklemmende Gefühl, dass in dem Geschworenen-Raum herrscht, perfekt auf den Zuschauer, der nicht nur einmal ein sehr unbehagliches Gefühl empfindet, wenn hitzig und laut diskutiert wird. Und genau so muss es sein! Denn genau das führt dazu, dass man nachzudenken beginnt.

 

Fazit

Gespielt wird es noch am 11.10.2019 (20 Uhr) und 12.10.2019 (18 Uhr). Tickets gibt es (vielleicht noch) unter www.taltontheater.de

 

 

Cast&Crew

Geschworener Nr. 1: Ralf Poniewas

Geschworener Nr. 2: Andreas Beutner

Geschworener Nr. 3: Patrick Schiefer

Geschworener Nr. 4: Joachim Sieper

Geschworener Nr. 5: Denny Pflanz

Geschworener Nr. 6: Maurice Kaeber

Geschworener Nr. 7: Moritz Heiermann

Geschworener Nr. 8: Moritz Stursberg

Geschworener Nr. 9: Klaus Lemanczyk

Geschworener Nr. 10: David Meister

Geschworener Nr. 11: Herribert Börnichen

Geschworener Nr. 12: Robin Schmale

 

Regie: Jens Kalkhorst
Maske: Sandra Kremer
Bühne: Rüdiger Tepel

 

 

 

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