Neben meinem Studium und dem Rechtsreferendariat habe ich – um mir eben jenes Studium zu finanzieren – im größten Multiplex-Kino in Deutschland gearbeitet.  In dieser Zeit kam auch der Film Big Fish von Tim Burton in die Kinos, der auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Wallace basiert. Und dieser Film ging damals komplett an mir vorbei. Bis letzte Woche wusste ich nicht, worum es in der Geschichte geht und was die Botschaft ist. Das gleichnamige Musical aus dem Jahr 2013 hatte nun gestern vergangene Woche Premiere (nachdem es vor einiger Zeit bereits in München gespielt wurde) bei uns im Pott, in Gelsenkirchen am Musiktheater im Revier.

Und seitdem weiß ich also auch, worum es in „Big Fish“ geht. Und ich bin unendlich froh, diese wunderbare Geschichte nun kennengelernt zu haben. Insbesondere in der Musical-Fassung und der Form, die Regisseur Andreas Gergen hier auf die Bühne brachte.

Zusammen mit Choreograph Danny Costello (dieses „Dreamteam“ zeigte sich auch schon für die Tecklenburger Inszenierung von „Rebecca“ in 2017 verantwortlich) erzählt Gergen die Geschichte von Edward Bloom, einem einfachen Handelsvertreter. Der eigentlich gar nicht so „einfach“ ist. Denn glaubt man seinen Geschichten, hat Edward Bloom schon Großartiges erlebt und ist ein wahrer Held. Begegnungen mit Hexen, Riesen und eine zauberhafte Liebesgeschichte, die in einem Zirkus beginnt und die Basis seiner Ehe mit Sandra bildet zeichnen seinen Lebensweg. Sein Sohn Will, der diese Geschichten bereits sein ganzes Leben lang zu hören bekommt, ist da eher skeptisch. Als er, frisch verheiratet und werdender Vater, erfahren muss, dass sein Vater unheilbar an Krebs erkrankt ist, muss er sich die Frage stellen, ob er seinen Vater wirklich kennt oder ob er nur einen kreativ erdachten und gezeichneten Lebensweg seines Vaters kennt. Bei seinen Recherchen im Elternhaus stößt er dabei auf ein Dokument, das ihn sehr verwirrt und nicht in das Puzzle-Bild passt, das er von seinem Vater hat. Denn es hat mit der Stadt Ashton zu tun, aus der Edward stammt und die er einst vor einem Riesen rettete…

 

Ich kann ein Fazit voranstellen: die Inszenierung ist ein Traum. Wirklich. Komplett ohne Erwartungen habe ich mich auf dieses Stück eingelassen und wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil.

Gergen und Costello zeigen, dass sie in der Lage sind, Bilder zu schaffen, die einfach nur wundervoll sind und die die ohnehin herzergreifende Geschichte noch intensivieren. Das Bühnenbild ist dabei simpel aber doch genial. Gergen arbeitet stark mit Projektionen, die auf den hinteren Vorhang geworfen werden. Hierdurch versetzt er den Cast und auch die Zuschauer wahlweise in einem finsteren Wald, die Kleinstadt Ashton, einen belebten Zirkus oder auch in die Räumlichkeiten von Edward Blooms Haus. Und auch in verschiedenen Zeiten, denn das Stück spielt sowohl in der Gegenwart als auch in diversen Phasen der Vergangenheit. Dabei bleibt jedoch immer ein Teil eines weiteren Vorhangs zu sehen, der – in der Form einer Haus-Silhouette – den Rahmen des Settings setzt. Ein Zeichen dafür, dass all diese Geschichten nur in den Räumen des Hauses existierten? Interpretationssache. Denn Edward Blooms Erzählungen sind das, wovon das Stück lebt. Das, wovon Edward Bloom lebt.  Für das wunderbare Bühnenbild und sehr schönen Projektionen zeichnet sich Sam Madwar verantwortlich.

Die Szenenwechsel sind äußerst clever gestaltet – sowohl von der Kulisse her als auch von den Kostümen. Sehr intelligent und mit einer großartigen Präzision finden hier Kostümwechsel teilweise direkt auf der Bühne vor den Augen des Publikums statt. Und dennoch bemerkt man sie oft kaum, denn Gergen und Costello erschaffen hier derart wunderbare Bilder, die so konzipiert sind, dass sie den Zuschauer von eben jenen Kostümwechseln komplett ablenken, sodass man sie gar nicht mitbekommt. Dabei braucht es keine aufwendigen Choreografien. Costello und Gergen setzen hier gezielt die Choreographie ein, um die Geschichte voranzutreiben, nicht um die auszuschmücken. Das gelingt wunderbar und das Stück wirkt tänzerisch nicht überladen.

Ich würde wirklich zu viel spoilern, wenn ich hier einzelne Handlungsstränge interpretiere. Aber eines sei gesagt: Gergen schafft es beispiellos, dem Zuschauer die Entscheidung zu überlassen, was er selbst von den Geschichten des Edward Bloom glaubt oder nicht. Dabei zieht sich die Kernaussage des Stücks – „Sei der Held Deiner Geschichte“ – durch die gesamte Inszenierung. Denn das Edward Bloom ein Held ist, steht fest. In welcher Sphäre er das ist und was real ist, was Fantasie, das bleibt letztlich jedoch dem Zuschauer überlassen.

Es braucht wirklich Einiges, mich in einem Musical (fast) zum Weinen zu bringen („Miss Saigon“, von dem man mir sagte, es würde mich mehr als einmal zum Weinen bringen, schaffte das überhaupt nicht), aber hier hatte ich am Ende wirklich Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Der Fokus auf der Geschichte, der Vater-Sohn-Konflikt, die wunderbaren Geschichten Edward Blooms und seine wohl realste Heldentat (die am Ende des Stücks erst aufgedeckt wird) sind so herzerwärmend und intensiv, dass ich selbst komplett in die Welt des Edward Bloom eintauche und mich darin verlieren kann.

Der Cast ist dabei einfach nur grandios.
Benjamin Oeser als Edward Bloom gibt den sterbenskranken Geschichtenerzähler so authentisch und so liebevoll, dass man sich direkt mit ihm verbunden fühlt und sofort Sympathie empfindet. Er brilliert hier wirklich absolut in Schauspiel und Gesang. DAS Highlight des Abends.

Dennis Hupka als Will schafft es wunderbar, den gradlinigen, realistisch denkenden Sohn zu verkörpern. Man nimmt ihm die Rolle absolut ab. Er ist der ideale „Konterpart“ zu Edward Bloom.

Theresa Christahl als Sandra Bloom, Edwards Frau, schafft es ganz wunderbar, die Rolle – egal in welchem Alter sie sich durch die „Flashbacks“ gerade befindet – zu transportieren.  Auch Sina Jacka als Josephine (Wills Ehefrau) zeigt hier ihr ganzes Talent.

In weiteren Rollen stehen Anke Sielof, Oliver Aigner, Franz Aigner, Rüdiger Frank, Sebastian Schiller, Birgit Mühlram, Adrian Kroneberger, Timothy Roller, Lisandra Bardél, Joyce Diedrich, Karina Kettenis, Florentine Kühne, Romina Markmann, Julia Waldmayer, Fin Holzwart, Kevin Schmidt und Stefan Gregor Schmitz auf der Bühne. Allesamt machen einen grandiosen Job. Jede Rolle sitzt on point. Und dabei merkt man an keiner Stelle, mit welchem Aufwand gerade auch das Ensemble durch zahlreiche, sekundenschnelle Wechsel der tollen Kostüme aus der Hand von Ulli Kremer zu kämpfen hat. Alle zusammen erschaffen jeweils so wunderbare Bilder und füllen das Stück mit so viel Talent und Hingabe aus.

Die Musik zeichnet ein typischer Broadway Sound. Dabei sind sowohl die Melodien als auch die Texte (ins Deutsche übersetzt von Nico Rabenald) herzergreifend und man denkt einfach nur die ganze Zeit über „Wie schön! Wie schön! Wie schön!“ Musikalisch geleitet wird die Band – bestehend aus Oliver Kerstan, Gero Gellert, Thomas Meyer, Paul Tunyogi-Csapo, Klaus Bittner, Isabelle van de Wiele, Martin Schäfer, Gabriel Perez und Olaf Krüger – von Heribert Feckler. EIn großes Kompliment an all diese Menschen, die diese schönen Melodien so perfekt auf die Bühne des “MiR” bringen.

Fazit

Alles in allem kann ich jedem Musical-Liebhaber (oder auch denen, die es noch werden wollen) einen Besuch von „Big Fish“ nur sehr ans Herz legen!!!! Es lohnt sich definitiv. Dieses Stück berührt das Herz auf eine ganz wunderbare Weise!

Das Stück wird noch an folgenden Terminen gespielt:

  1. Mär. 2019 19:30-22:00 Uhr
  2. Apr. 2019 19:30-22:00 Uhr
  3. Apr. 2019 18:00-20:30 Uhr
  4. Apr. 2019 19:30-22:00 Uhr
  5. Apr. 2019 19:30-22:00 Uhr
  6. Apr. 2019 18:00-20:30 Uhr
  7. Apr. 2019 19:30-22:00 Uhr
  8. Juni. 2019 19:30-22:00 Uhr
  9. Juni. 2019 19:30-22:00 Uhr

 Tickets für BIG FISH gibt es HIER

Karl + Monika Forster

Foto: Karl + Monika Forster

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.